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Mittwoch, Januar 24, 2007

Vorwort von Pater C.E. Schmöger C.ss.R. zum Werk "Emmerick-Visionen" 9. Folge

10. Ferner finden sich auf Seite 119 die Worte: "Maria wußte, daß sie den Erlöser empfangen habe, daß Er aber, um die Menschen zu erlösen, leiden und sterben werde."
Und auf Seite 143: "Wieder sah ich Maria an der Krippe stehen. Sie sah auf ihr Kind und hatte die tiefe Empfindung, es komme auf die Welt, um zu leiden."
Das tiefe Geheimniß, welches in diesen so wahren, als einfachen Worten verborgen liegt, wird uns wiederum durch die weiteren Eröffnungen aufgeschlossen, welche die heilige Brigitta aus dem Munde ihres Engels zu vernehmen und auf sein Geheiß niederzuschreiben hatte. Sie lauten: (Sermo angelicus, cap. 17 & 18. in "Revelationes s. Brigittae a Consalvo Duranto notis illustratae")

"In ihren Weissagungen von dem Sohne Gottes redeten die Propheten auch davon, welchen bitteren Tod Er in seinem unschuldigsten Leibe auf dieser Welt werde erdulden wollen, auf daß die Menschen in Vereinigung mit Ihm im Himmel des ewigen Lebens könnten theilhaftig werden. Demgemäß schilderten sie in ihren Prophezeiungen, wie der Sohn Gottes für die Erlösung des Menschengeschlechtes werde gebunden und geheißelt, wie zum Kreuze geführt, wie schimpflich mißhandelt und gekreuzigt werden. Wenn wir demnach glauben müssen, daß die Propheten wohl gewußt hatten, warum der unsterbliche Gott einen sterblichen Leib annehmen und in diesem Leibe auf so mannigfache Weise gepeiniget werden wolle, so kann der christliche Glaube es um so weniger bezweifeln, daß unsere seligste Jungfrau und Herrin, welche Gott vor aller Zeit zur Mutter erkoren hatte, dieß noch viel deutlicher gewußt habe; und billig ist zu glauben, es sei der Jungfrau die Absicht nicht verborgen gewesen, aus der Gott sich würdigte, in ihrem Schoße mit dem menschlichen Fleische sich zu bekleiden. Ja gewiß! Es ist fest und unbezweifelt zu bekennen, daß sie aus Eingebung des Heiligen Geistes den Sinn und die Bedeutung der prophetischen Worte weit vollkommener verstanden habe, als die Propheten selber, welche aus dem Munde desselben Heiligen Geistes ihre Worte vorgebracht haben. Darum ist es für gewisseste Wahrheit zu halten, daß, als die Junfrau den Sohn Gottes nach seiner Geburt zum ersten Male auf ihre Hände nahm, es ihrem Geiste deutlichst vorschwebte, wie Er der Propheten Schriften werde zu erfüllen haben. So oft sie Ihn darnach in Windeln wickelte, empfand sie in ihrem Herzen, mit welch scharfen Geißeln sein ganzer Leib werde zerrissen werden, so daß Er das Aussehen eines vom Aussatze Geschlagenen haben würde. Und so oft die Jungfrau Arme und Füße ihres Kindleins sanft mit Tüchlein umwand, da gedachte sie, wie grausam dieselben mit eisernen Nägeln am Kreuze würden durchbohrt werden. Wendete sie ihr Auge nach dem Antlitz ihres Kindes, da ward sie inne, mit welcher Unehrerbietung die Mäuler der Gottlosen dieses heiligste Antlitz mit ihrem Auswurf besudeln werden. Und wie oft empfand die süßeste Mutter in ihrem Herzen, welche Faustschläge die Wangen ihres Sohnes treffen und welche Schmähungen und Lästerungen seine gebenedeiten Ohren erfüllen würden! Bald stellte sich ihr dar, wie seine Augen durch das herabrinnende Blut verdunkelt; bald, wie sein Mund mit Essig und Galle werde getränkt werden; bald drang es ihr zu Herzen, wie seine Arme mit Stricken gebunden, seine Nerven und Adern und alle Gewebe so unbarmherzig am Kreuze ausgedehnt und alle inneren Theile seines Leibes im Tode zusammengezogen und wie sein ganzer glorwürdiger Leib von innen und außen durch die bittersten Peinen bis zum Verscheiden am Kreuze werde gefoltert werden. Denn es wußte auch die heilige Jungfrau, daß, sobald ihr Sohn seine Seele am Kreuze werde ausgehaucht haben, die scharfe Lanzenspitze seine Seite eröffnen und mitten durch sein Herz hindurch dringen werde."
"Wie also die heilige Jungfrau mehr, als alle anderen Mütter voll Freude war, so oft sie ihr neugebornes Kind betrachtete, indem sie es als wahren Gott und wahren Menschen erkannte, sterblich zwar nach seiner Menschheit, ewig unsterblich aber nach seiner Gottheit, so war sie doch im Vorherwissen seines bittersten Leidens zugleich die betrübteste aller Mütter. Und solcher Weise war ihre höchste Freudigkeit unablässig von schwerster Trauer begleitet, gleich als würde einer Gebärenden gesagt: wohl hast du ein lebendes und in allen seinen Gliedern wohlgestaltetes Kind geboren, aber die Wehen des Gebärens werden bis zu deinem Tode nicht mehr aufhören. Wohl würde bei solchen Worten eine Mutter über das Leben und Gedeihen ihrer Leibesfrucht sich freuen, aber ohne Aufhören über ihr eigenes Leiden und ihren Tod sich betrüben. Doch könnte die Betrübniß solcher Mutter bei dem Gedanken an ihre Peinen und den Tod ihres Leibes nicht so groß sein, als es der Schmerz Mariä war, so oft sie des künftigen Todes ihres geliebtesten Kindes gedachte. Sie wußte aus den Worten der Propheten, wie zahllose und schwerste Peinen ihr süßestes Kind werde leiden müssen; und auch Simeon der Gerechte hatte ihr nicht aus ferner Vergangenheit her, wie die Propheten, sondern in das Angesicht geweissagt, daß ihre Seele ein Schwert durchbohren werde. Darum ist es wohl zu beherzigen, daß in dem Grade, als die Seelenkärfte weit stärker und fähiger sind, um Wohl und Wehe zu empfinden, als die körperlichen Sinne, die gebenedeite Seele der seligsten Jungfrau, welche von dem Schwerte durchbohrt werden sollte, von weit ärgeren Qualen erfüllt wurde, noch bevor ihr Sohn sein bitteres Leiden zu beginnen hatte, als der Leib einer Mutter, bevor sie gebiert, zu ertragen vermöchte. Denn das ihr geweissagte Schwert der Schmerzen kam mit jeder Stunde in dem Grade ihr näher, als ihr geliebtester Sohn dem Zeitpunkte seines bittersten Leidens sich näherte. Darum ist unbezweifelt zu glauben, daß der liebreichste und unschuldiste Sohn Gottes mit seiner Mutter ein kindliches Mitleiden trug und ihre Peinen durch häufige Tröstungen zu lindern suchte, sonst hätte ihr Leben es nicht vermocht, sie bis zum Tode ihres Sohnes zu ertragen."
"Von jenem Zeitpunkte aber an, da der Sohn der Jungfrau gesprochen: 'Ihr werdet Mich suchen, aber nicht finden (Joh. 7, 34.); da verwundete die Spitze des Schwertes ihrer Schmerzen das Herz der Jungfrau noch viel heftiger. Und als Er zuletzt von dem eigenen Jünger verrathen und, wie Er geschehen lassen wollte, von den Feinden der Wahrheit und Gerechtigkeit gefangen wurde, da drang das Schwert der Schmerzen grausam durch ihr Herz, durch ihr Innerstes und durch ihre Seele, so daß alle Glieder ihres heiligsten Leibes mit unsäglichen Martern erfüllet wurden. Und so viele Peinen und Beschimpfungen ihrem Sohne angethan wurden, so vielmal erneuerte jenes Schwert seine ganze Schärfe in der Seele der heiligen Jungfrau. Sie mußte ja Alles mit ansehen, wie ihr Sohn von den Händen der Gottlosen mit Backenstreichen geschlagen, grausam und unbarmherzig gegeißelt und von den jüdischen Obrigkeiten unter dem tobenden Geschrei des ganzen Volkes: 'An's Kreuz mit dem Verräther!' zum schimpflichsten Tode verurtheilt wurde; wie Er mit gebundenen Händen zur Richtstätte geführt wurde, sein Kreuz in äußerster Erschöpfung auf den Schultern dahin tragend, während vorangehende Schergen Ihn an Stricken nach sich zogen, andere neben Ihm hergehend Ihn mit Faustschlägen antrieben und Ihn, das sanftmüthigste Lamm, hetzten wie das grausamste Wild. Er aber war, wie Jesaias gweissagt, in all' seinen Nöthen geduldig wie ein Lamm, das zur Schlachtbank gefüht wird, und klaglos, wie das vor seinem Scheerer verstummende Lamm, öffnete Er seinen Mund nicht. Und so, wie Er das Bild der höcshten Geduld, so war es auch seine gebenedeite Mutter, welche alle Peinen mitIhm theilte. Und wie ein Lamm seiner Mutter nachgeht, wohinsie geführt wird, so folgte auch die jungfräuliche Mutter ihrem Sohne an alle Stätten seiner Martern. So sah sie also mit an, wie ihrem Sohne zum Spotte die Dornenkrone auf das Haupt gesetzt, wie sein Angesicht von Blut überronnen, seine Wangen durch härteste Backenstreiche dunkel geröthet wurden. Der übergroße Schmerz ihres Mitleidens preßte ihr Seufzer aus und brachte ihr Antlitz zum Erblasssen, und als bei der Geißelung der heiligste Leib ihres Sohnes aus tausend Wunden blutete, da rannen aus ihren Augen die bittersten Thränenbächer nieder. Bei der grausamsten Ausspannung ihres Sohnes am Kreuzesstamme aber begannen alle Kräfte ihres Leibes zu schwinden; und als vollends der Schall der Hammerschläge, mit welchen durch die Hände und Füße ihres Sohnes die eisernen Nägel getrieben wurden, an ihr Ohr drang, da vergingen der Jungfrau alle Sinne, und im Übermaß dieser Marter sank sie einer Sterbenden gleich zur Erde nieder. Als die Juden Ihn mit Galle und Essig tränkten, da vertrockneten vor Angst ihres Herzens Zunge und Gaumen der Jungfrau, so daß sie nicht vermochte, ihre gebenedeiten Lippen zu einem Worte zu bewegen. Und als sie darauf die klägliche Stimme ihres im Todeskampfe rufenden Sohnes vernahm: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?' und sehen mußte, wie alle seine Glieder erstarrten und Er mit geneigtem Haupte seinen Geist aufgab, da schnürte die Heftigkeit der Schmerzen das Herz der Jungfrau also zusammen, daß jedes Gelenke ihres heiligsten Leibes die Bewegung versagte."
"Daraus aber mögen wir wohl erkennen, welch' ein großes Wunder Gott hier zu wirken hatte, daß die jungfräuliche Mutter, deren Herz von so unaussprechlich vielen und großen Martern verwundet war, ihren Geist nicht vollends aufgab, als sie auch noch mit ansehen mußte, wie ihr geliebter Sohn seiner Kleider beraubt, von Wunden zerrissen, mit Blut überlaufen, lebend und todt, verhöhnt und verspottet, mit der Lanze durchbohrt zwischen zwei Mördern am Kreuze hing, während die Mehrzahl seiner Anhänger und Freunde Ihn verließ, davon floh und gar weit von der Geradheit des wahren Glaubens sich verirrte. Gleichwie also ihr Sohn unter größeren Peinen, als alle Menschen zusammen nicht zu ertragen vermöchten, den bittersten Tod für uns erduldet hat, so hat auch seine mit Ihm leidende Mutter in ihrer gebenedeiten Seele dieselben Peinen für uns mitgetragen."
"Im ersten Buche der Könige wird von der Frau des Phinees erzählt, daß sie bei der Nachricht von dem Verluste der Bundeslade an die Feinde Gottes vor heftigem Schmerze gestorben sei. Aber der Schmerz dieser Frau läßt sich mit dem Schmerze nicht in Vergleich bringen, welchen die jungfräuliche Mutter empfand, als sie den Leib ihres gebenedeiten Sohnes, dessen Vorbild jene Lade des Bundes gewesen, mit Nägeln an das Holz des Kreuzes geheftet erblickte. Denn die Jungfrau liebte ihren Sohn, als wahren Gott und wahren Menschen, mit unvergleichlich größerer Liebe, als irgend ein Menschenkind sich selbst oder einen Anderen lieben könnte. Darum ist es auch ein ganz augenscheinliches Wunder, daß Maria den unbegreiflichen Peinen nicht erlag, welche sie verwundeten, während die Frau des Phinees schon über einen viel geringeren Schmerz das Leben verlor. Wer muß nicht unwillkürlich dabei denken, daß nur das unmittelbare Eingreifen der Allmacht Gottes sie gegen alle Möglichkeit der körperlichen Kräfte am Leben erhalten konnte?"
"Durch seinen Tod schloß der Sohn Gottes den Himmel uns auf und aus der Vorhölle erlöste Er im Triumphe seine Getreuen. Maria aber blieb im Leben zurück; und sie war es, die einzig und allein bis zur Auferstehung ihres Sohnes den wahren Glauben unerschütterlich bewahrte und gar Viele, welche elendiglich vom Glauben abgeirrt waren, wieder zum Glauben zurückführte und darin bestärkte."


Die eben angeführten Stellen aus den "Offenbarungen der heiligen Brigitta" sind in solcher Ausführlichkeit auch aus dem Grunde hier ausgehoben, weil sie zugleich eine glänzende Rechtfertigung der ganzen Auffassung und Schilderung des vollkommenen Miterleidens der ganzen Passion unseres Herrn von Seite seiner heiligsten Mutter enthalten, wie solche in den Mittheilungen der seligen Emmerich über "das bittere Leiden" uns geboten wird.

Freitag, Dezember 08, 2006

Vorwort von Pater C.E. Schmöger C.ss.R. zum Werk "Emmerick-Visionen" 8. Folge

9. Indem wir nun den weiteren Mittheilungen der gottseligen Emmerich über "die Verkündung des Engels" und "die Geburt des heiligsten Jesuskindes unsere Aufmerksamkeit näher zuwenden, begegnen wir drei höchst bedeutsamen Eröffnungen, die aus mehrfachen Gründen besonders hervorgehoben zu werden verdienen. Dieselben sind nämlich so einfach, so absichtslos und theils wie in zufälliger Verbindung mit anderen Äußerungen vorgebracht, daß eine nur flüchtige Lesung sie leicht übersehen, oder sie doch nicht nach ihrer tieferen Bedeutung würdigen mag. Sie enthalten aber den Schlüssel zu dem ganzen ferneren Leben der allerseligsten Jungfrau, wie dasselbe von der gottseligen Emmerich beschrieben wird, und stehen mit dem Geiste und nicht selten auch mit den Worten der "Offenbarungen" einer heiligen Brigitta in so bemerkenswerther Übereinstimmung, daß es sich wohl der Mühe lohnt, jene so kurzgefaßten Worte der seligen Emmerich durch wörtliche Anführung der auf die gleichen Geheimnisse sich beziehenden, aber ausführlicheren Eröffnungen der heiligen Brigitta mehr zu beleuchten. Der geneigte Leser wird dadurch, vielleicht nicht ohne freudige Überraschung, die Überzeugung gewinnen, welch' ein großer Schatz wahrhafter Erbauung und Erleuchtung unter den schmucklosen schlichten Worten der seligen Emmerich verborgen ist.
Auf Seite 147 unten findet sich die Stelle:
"Maria erzählte der heiligen Elisabeth, sie sei in der Stunde der Verkündigung zehn Minuten in Entzückung gewesen und es sei ihr gewesen, als verdopple sich ihr Herz und sie sei mit unaussprechlichem Heile erfüllt. In der Stunde der Geburt aber habe sie eine große Sehnsucht empfunden und es sei ihr gewesen, als trenne sich ihr Herz auseinander und die eine Hälfte scheide von ihr."
Genau dasselbe hatte im Gesichte auch die heilige Brigitta aus dem Munde der allerseligsten Jungfrau vernommen, die folgende Worte an sie richtete: (Revelationes s. Brigittae 1. I. c. 35)
"So oft du das bittere Leiden meines Sohnes betrachtest, so halte dir gegenwärtig, meine Tochter, daß alle Glieder seines heiligsten Leibes mir wie meine eigenen, ja wie mein eigenes Herz selber waren. Er wurde in mir empfangen im Feuer der göttlichen Liebe und durch die Liebe kam Er und war Er in mir. Das Wort aber und die Liebe (der heilige Geist) haben Ihn in mir gebildet; und Er war mir, als wäre Er mein Herz. Darum hatte ich, als Er aus mir geboren wurde, die Empfindung, als würde die eine Hälfte meines Herzens geboren und scheide aus mir. Und darum empfand ich, als Er sein Leiden begann, dieß sein Leiden als das Leiden meines eigenen Herzens. Denn ein Herz, das zur Hälfte auswendig und zur Hälfte inwendig ist, empfindet inwendig gleichmäßig den ganzen Schmerz, wenn die auswendige Hälfte gefoltert wird. So wurde ich selber d. i. mein Herz auch mit-gegeißelt und mit-durchstochen, als mein Sohn, Er die andere Hälfte meines Herzens, gegeißelt und mit Dornen gekrönt wurde. Auch war ich auf seinem ganzen Leidenswege stets in seiner nächsten Nähe und vermochte nicht, Ihm ferne zu bleiben. Ich stand zunächst an seinem Kreuze; und wie das am wehesten thut, was dem Herzen am nächsten ist, so war, was ich bei dem Kreuzstamme litt, der bitterste Schmerz noch von allen. Und als mein Sohn vom Kreuze herab mich anblickte, und ich zu Ihm meine Augen erhob, da strömten mir die Thränen, wie das Blut aus geöffneter Ader, aus den Augen. Und da Er mich in Pein ganz aufgelöst erblickte, wurde Er über meine Schmerzen so sehr betrübt, daß Er aus Mitleiden mit mir die Martern seiner eigenen Wunden nicht mehr zu verspüren glaubte. Gleichwie Adam und Eva um einen Apfel die Welt verkauft hatten, so haben mein Sohn und Ich, gleichwie mit Einem Herzen, die Welt wieder losgekauft."

Samstag, September 16, 2006

Vorwort von Pater C.E. Schmöger C.ss.R. zum Werk "Emmerick-Visionen" 7. Folge

8. Nun möge auch noch ein um mehrere Jahrhunderte älterer Theologe und Geisteslehrer, der gottselige Eadmerus, der Schüler und unzertrennliche Begleiter des heiligen Lehrers Anselmus, gestorben im Jahre 1121, vernommen werden, welcher über die höchste Würdigkeit der Vorbereitung des Kindes Maria im Tempel auf die Empfängniß des Sohnes Gottes in ihrem heiligsten Schoße mit hoher Salbung sich ausspricht. (In seiner Abhandlung über den englischen Gruß, welche sich in dem II. Band der von D. Gerberon besorgten Ausgabe der Schriften des heiligen Anselmus findet.) Es verdienen seine Worte gar sehr der Vergessenheit entrissen zu werden, da kein Leser sie ohne Erhebung des Geistes und ohne Förderung der Liebe zu Jesus und Maria vernehmen wird. Er sagt:
"Wer wäre im Stande, auch nur zu ahnen, geschweige mit Worten zu sagen, wie heilig, wie rein, wie Gottes würdig Maria ihr Leben eingerichtet und geführt hat? Ihr reinster Leib, ihre heiligste Seele blieben durch den betändigen Schutz der Engel vor jeglicher Makel auf das Vollkommenste bewahrt, wie es ihr als der Wohnung gebührte, in welcher Gott, ihr und aller Dinge Erschaffer, leiblicher Weise seinen Wohnsitz nehmen, und aus der Er die menschliche Natur zur Einigung mit seiner Person auf unbegreifliche Weise annehmen wollte. Wenn es selbst unter den Menschen im Gebrauche ist, daß, so ein Machthaber oder Reicher irgendwo Einkehr nehmen will, dessen Diener voraneilen, um die Herberge zu bestellen, zu reinigen, zu schmücken und zu bewachen, damit der Gebieter bei seiner Ankunft Alles wohl bereitet und geziehmend hergerichtet finde, welche Ausrüstung mit allen Tugenden muß für die Ankunft des himmlischen und ewigen Königes in dem Herzen der heiligsten Jungfrau geschehen sein, welche Ihn nicht für wenige Augenblicke nur in sich beherbergen, sondern mit ihrem Fleische Ihn bekleiden und als Mutter Ihn gebären sollte? Da nämlich die Fülle der Zeit gekommen war, die Gott selbst vor aller Zeit zu seiner Ankunft vorherbestimmt hatte, sandte Er Gabriel, einen der ersten Fürsten seines Reiches, um dir, o seligste aller Frauen anzukündigen, es stehe bevor die Erlössng der Menschen, und Er wolle dieselbe bewirken und aus dir, du Allerreinste, durch die Wirkung des heiligen Geistes als wahrer Mensch geboren werden. Du vernimmst, o Herrin, diese Botschaft und über dieses zu allen Zeiten unerhörte Geheimniß erstaunest und verwunderst du dich; doch regt sich in dir kein Unglaube, sondern unbezweifelt hältst du fest, es sei ganz und gar unmöglich, daß nicht geschehe, was der Engel verkündet! Maria glaubt und ist gewissest überzeugt, der gütige, liebevolle, an edlen Erbarmungen überreiche Gott steige von seinem himmlischen Sitze hernieder zur Erde, werde Mensch, um durch seinen freiwilligen Tod die Menschen vom ewigen Tode, dem sie verfallen sind, zu erretten. Darum antwortet sie dem Engel mit den Worten: 'Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte!' O Gott so angenehmer Glaube! O wohlgefällige Demuth! O Gehorsam, lieblicher vor Gott, als jedes Opfer! Was hätte also Gott bei seiner Herabkunft finden sollen, das Ihm an der Jungfrau nicht gefallen hätte, aus welcher der Wohlgeruch der höchsten Tugenden Ihm entgegenströmte? Gewiß, durch seinen Glauben allein hatte Abraham Gott gefallen und das allein, daß er glaubte, wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet. Über den Demüthigen und Sanftmüthigen aber und über Jenen, die in Ehrfurcht seine Worte bewahren, ruhet nach dem Zeugnisse Gottes sein heiliger Geist und ihr Gehorsam ist Ihm lieber, als Opfer. Da nun gerade in dem, was Gott am meisten gefällt, die heiligste Jungfrau sein höchstes Wohlgefallen verdiente, so glaube ich, daß sie durch nichts Anderes mehr sein Wohlgefallen in noch höherem Grade hätte erlangen können. Wir glauben auch fest und unbezweifelt, daß ihr Herz vor jeder Makel und Sünde vollkommen rein bewahret blieb, so daß in Wahrheit über ihr der heilige Geist, als über der Demüthigen, Sanftmüthigen, die Worte Gottes in Ehrfurcht Bewahrenden, in seiner ganzen Fülle ruhen konnte, und daß Er sie als die mit keuschestem, reinstem Herzen dem Willen Gottes Gehorchende lieblicher erfand, als jedes Brandopfer, und daß Er sie deßhalb in der Kraft des Allerhöchsten überschattete und den Sohn Gottes aus ihr mit dem Fleische bekleidete. Darum erhebe sich jedes menschliche Herz und versuche nach Möglichkeit zu erkennen, welches Gewicht bei dem allmächtigen Gott die Verdienste dieser allerseligsten Jungfrau besitzen. Es vesuche, sage ich, jedes Herz, zu betrachten, zu erkennen, zu bewundern den Eingebornen, wesensgleichen, geichewigen, gleichallmächtigen, aus dem Schoße des Vaters von Ewigkeit gezeugten Sohn, durch den Er alle sichtbaren und unsichtbaren Geschöpfe aus dem Nichts gemacht hat! Denn diesen seinen so einzigen und so geliebtesten, Ihm in Allem durchaus gleichen Sohn wollte Gott der Vater nicht als nur seinen Sohn allein belassen, sondern Er wollte, daß eben Er in voller Wirklichkeit der Natur nach der einzige und der geliebteste Sohn auch der seligsten Jungfrau Maria sei. Und dieß nicht so, daß nun zwei Söhne wären, der eine als Gottes Sohn, und der andere als Mariä Sohn, sondern daß der Eine und Selbe Sohn Gottes in Einer Person auch der Sohn Mariä sei, und daß der Sohn Mariä zugleich der Eine und Selbe Sohn Gottes in Einer Person sei. Wer muß nicht in höchstes Erstaunen darüber gerathen und für ein ganz unbegreifliches, unaussprechlich großes Wunder es erachten, daß Gott solches beschließen konnte! Die süßeste Jungfrau aber, aus Adams Nachkommenschaft aufgesproßt, wird im Gegensatz zu Eva, die den Fluch zu hören verdiente, nun vom Engel selig gepriesen über alle Weiber; sie empfängt, sie trägt, sie gebiert den Gottmenschen, der alle Übertretungen der Kinder Adams sühnen, sie von Schuld und Strafe erlösen und zu Erben seines himmlischen Reiches einsetzen wird."

In gleichem Sinne richtete auch der heilige Hieronymus an Eustochium die Worte:
"Erhebe dein Auge zur seligsten Jungfrau Maria, deren Reinheit so groß ist, daß sie verdiente, die Mutter unseres Gottes und Herrn zu sein."
Und es wetteiferten unter einander die Lehrer des Morgenlandes in Lobpreisungen des Schoßes der heiligsten Gottesgebärerin. So nennt der heilige Andreas von Creta "den Schoß Mariä"
"das herrlichste Kleinod der Jungfräulichkeit, die Himmel an Reinheit übertreffend, die vollkommenste Darstellung der ursprünglichen Schönheit."
Gregor von Neucäsarea legt dem Erzengel Gabriel die Worte in den Mund:
"Alle himmlischen Heerschaaren grüßen durch mich dich heilige Jungfrau; ja der Gebieter aller himmlischen Schaaren hat aus allen seinen Creaturen nur dich als die heiligste und am reichsten für Ihn geschmückte auserwählt, um aus deinem heiligen, keuschen, reinen, makellosen Schoße zum Heile der ganzen Welt als die hellglänzende Perle hervorzugehen. Denn du Heilige bist aufgestiegen zu einer die ganze Menschheit weit überragenden Schönheit, Reinheit und Heiligkeit; und dein Herz übertrifft an blendendem Weiß den frischgefallenen Schnee; dein Schoß aber an Lauterkeit jedes auch noch so oft im Feuer geläuterte Gold."
Auch in ihren liturgischen Hymnen preist die rechtgläubige Kirche des Morgenlandes den Schoß der Jungfrau als "den Thron, geschmückt für Aufnahme des Wortes."
"Von deiner Schönheit, o vollkommen Unbefleckte, angezogen, nimmt das Wort Wohnung in deinem Schoße, um die Menschen von der Häßlichkeit der Sünde zu erretten und mit der Gabe der ursprünglichen Schönheit zu beschenken." - "Nach dir, ganz unbefleckte Jungfrau, als dem reinsten, schönsten aus allen seinen Geschöpfen, verlanget der Herr aller Schönheit, um aus deinem Schoße geboren zu werden." - "Dich, o Unversehrte, erfindet das allerheiligste Wort als sein Ihm geweihtes Heiligthum und nimmt Wohnung in deinem Schoße. Alle, welche dich ehren, will Er heiligen, erleuchten und Vergebung ihrer Sünden ihnen gewähren." - "Weil du an Verdiensten alle Creaturen übertiffst, darum hast du, o Jungfrau, deinen Gott und Erschaffer in deinem Schoße empfangen und zur Erlösung der Sterblichen Ihn geboren." - "Du bist das Tabernakel des Wortes geworden, weil du allein, o jungfräuliche Mutter, ganz rein und schuldlos bist, ja die Engel an Reinheit übertriffst." - "Weil du heiliger bist als jede Creatur, hat der heilige Gott in deinem Schoße gewohnt. Du allein bist würdig von Ihm erachtet worden, um die Mutter Gottes zu werden." - "Dich hat unser Herr und Erschaffer erkannt als die reine Rose der Thalgründe, als die duftende Lilie und von deiner Schönheit angezogen, wollte Er aus dienem Blute den Leib sich bereiten."
Die Würde des Schoßes Mariä nach der Empfängniß des ewigen, unerschaffenen Wortes ist so erhaben, daß er mit vollem Rechte von den heiligen Lehrern dem höchsten Himmel gleich gestellt wird. So sagt der heilige Ephrem der Syrier:
"Durch ihre Empfängniß des Wortes ist Maria für uns der die Gottheit in sich tragende Himmel geworden, welche Jesus Christus, ohne von der Herrlichkeit des Vaters sich zurückzuziehen, in die engen Grenzen ihres Schoßes eingeschlossen hat, um die Sterblichen zu der hohen Würde der Kindschaft Gottes zu erheben. Diesen Schoß allein hat Er sich erwählt, auf daß Maria sein Werkzeug für unsere Erlösung werde."
Ähnlich lauten die alten Hymnen des Morgenlandes:
"Wir preisen dich, o heiligste Mutter, als den Himmel Gottes und als seinen Thron; denn aus dir will Jesus, die Wahrheit und das Leben, zu uns kommen." - "Du, o Jungfrau, erscheinest in Wahrheit als der Himmel über dem Erdkreis, der höher ist, als der höchste Pol; denn aus dir geht auf die Sonne der Gerechtigkeit." - "Alle Chöre der Himmel verkünden dein Lob, denn du bist der zweite Himmel über dem Erdkreis; du bist der neue Himmel, denn aus dir ist für uns aufgegangen die Sonne der Gerechtigkeit."

Montag, Juli 17, 2006

Vorwort von Pater C.E. Schmöger C.ss.R. zum Werk "Emmerick-Visionen" 6. Folge

7. Aus den angeführten Stellen erhellet zur Genüge, warum die heiligste Jungfrau die ganze Zeit der Kindheit bis zu ihrer von Gott bestimmten und durch wunderbare Zeichen herbeigeführten Vermählung mit dem heiligen Joseph in der Verborgenheit des Tempels verweilte. Es brachte dieß nicht nur die unbeschreibliche Heiligkeit und Reinheit mit sich, in der sie empfangen und geboren war, und für die es keinen würdigeren Ort auf Erden geben konnte, als das Haus Gottes, das Er selber zu seiner Wohnung sich erkoren hatte, sondern auch ihre ewige Vorherbestimmung zur Mutterschaft des Sohnes Gottes, auf welche sie so würdig sich zu bereiten hatte, daß sie verdiente, als der Inbegriff und Gipfel aller Tugenden, als die einzige makellose Lilie unter den Dornen und als die des höchsten Wohlgefallens Gottes einzig würdigste Jungfrau zur Mutter seines Eingeborenen erhöhet zu werden. Über diese geheimnißvollen Ursachen der Opferung des Kindes Maria im Tempel und ihres eilfährigen Verweilens daselbst, enthält auch die "Mystische Stadt Gottes" der seligen Maria von Agreda sehr bedeutsame Aufschlüße, aus denen einzelne Aushebungen hier um so mehr ihre Aufnahme finden mögen, da sie die Mittheilungen der gottseligen Anna Katharina in bemerkenswerther Weise bestätigen und ergänzen und im Zusammenhalte mit den früheren Anführungen aus den alten griechischen Schriftstellern, zugleich den klaren Beweis liefern, in welcher Übereinstimmung die Gesichte beider begnadigten Seelen sowohl zu einander, als auch mit der ganzen Überlieferung und den Aussprüchen der Heiligen aus viel älterer Zeit sich befinden. Wie der Leser im weiteren Verlaufe sich noch überzeugen wird, herrscht dieselbe Übereinstimmung der Gesichte der gottseligen Anna Katharina auch mit den Offenbarungen der heiligen Brigitta.
Die selige Maria von Agreda (Mystica Ciudad de Dios. 1736. p. I. 1.2. c. 1 & 2.) berichtet:

"Unter den Vorbildern der heiligsten Jungfrau im alten Bunde war keines von so ausgeprägter Deutlichkeit, wie die Bundeslade, und zwar sowohl in Hinsicht des Stoffes, aus dem sie verfertiget war, als in Hinsicht ihres Inhaltes und ihrer ganzen Bedeutung für das Volk Gottes, sowie auch alles Dessen, was Gott mittelst der Arche, oder um ihretwillen und durch sie in der alten Synagoge gethan und gewirkt hat; denn dieses Alles war ein Vorbild unserer Herrin Maria und eine sehr deutliche Hinweisung auf Alles, was in Maria und durch Maria für die neue Kirche des Evangeliums geschehen sollte.
Das unverwesliche Cedernholz, aus welchem die Lade, nicht etwa zufällig, sondern nach der ausdrücklichen Vorschrift Gottes zusammengefügt wurde, ist die klare Hindeutung auf Maria, welche als die geistliche Bundeslade ganz rein und sündelos und unberührt ist von der geheimen Fäulniß der Erbschuld und des mit ihr untrennbar verbundenen Zunders der Begierlichkeit. Das im Feuer geläuterte, feinste Gold, womit die alte Lade innen und außen überzogen war, deutet eben so klar und bestimmt auf die höchste Vollkommenheit und Erhabenheit der Gnade und der Gaben, welche in den Gottes würdigen Gedanken, Werken, Sitten und Tugenden der heiligsten Jungfrau erglänzet, so, daß an dieser neuen Bundeslade, von innen wie von außen, kein Theilchen, keine Zeit, kein Augenblick zu finden ist, das nicht mit Gnade, und zwar mit Gnade von der höchsten Würdigkeit voll und überdeckt gewesen wäre".
"Die steinernen Gesetztafeln, das goldene Gefäß mit Manna, die wunderbare Ruthe Aarons, was Alles in der Bundeslade eingeschlossen und bewahrt wurde, deuteten auf's Klarste auf das fleischgewordene Wort, welches in der lebendigen Arche, d. i. im Schoße der heiligsten Jungfrau Maria eingeschlossen wurde. Es ist ja ihr Eingeborner der lebendige "Grundstein der Kirche", und der "Eckstein", welcher die beiden so weit getrennten Völkerschaften, Juden und Heiden, vereiniget, der Stein, welcher, vom Berge der ewigen Zeugung sich losreißend, als das neue Gesetz der Gnade, das der Finger Gottes auf ihn geschrieben, in der jungfräulichen Arche Maria niedergelegt wurde, auf daß diese höchste Königin von Allen als die Bewahrerin Dessen erkannt werde, was Gott sowohl in sich selber ist, als was Er an seinen Geschöpfen bewirken wollte".
"In gleicher Weise enthielt Maria das Manna der Gottheit, der Gnade und Macht, und die Wunder und Zeichen wirkende Ruthe, auf daß nur allein in ihr, als der Gottes würdigen geistlichen Arche, der Urquell der Gnaden, nämlich die Wesenheit Gottes selbst sich finde, und von ihr aus auf die übrigen Sterblichen sich ergieße; daß in ihr und durch sie die Wunder und Zeichen des Armes Gottes gewirkt werden, und Alle erkennen, wie Alles, was dieser unser Herr will, ist und wirket, in Maria eingeschlossen und niedergelegt sei."
"Die alte Bundeslade hatte außerdem, und zwar nicht bloß nur im Schatten, oder figürlich, sondern in Wahrheit und Wirklichkeit, auch den Schemel und die Unterlage für den Gnadenthron zu bilden, auf welchem Gott den Sitz und Richterstuhl seiner Barmherzigkeit aufgeschlagen hatte, um von ihm herab sein Volk anzuhören, auf die vor Ihn gebrachten Anfragen zu antworten, die Bitten zu erhören und Gnaden auszutheilen. Jetzt aber ist von Gott aus allen seinen Geschöpfen nur allein Maria zum Throne seiner Gnade erhoben, so daß nun sie nicht allein die wahre geistliche Bundeslade, sondern auch zugleich der Gnadenthron ist, indem sie ja dazu erbauet wurde, um Gott selbst in sich zu beherbergen. Sonach erscheint das Tribunal der Gerechtigkeit als in Gott verbleibend, der Gnadenthron aber und der Sitz der Barmherzigkeit als auf Maria übertragen, damit wir zu ihr als dem Throne der Gnade mit festem Vertrauen unsere Zuflucht nehmen und vor ihr um Gaben, Gnaden und Erbarmungen unsere Bitten ausgießen, welche außerhalb dieses Gnadenortes (der Königin des Weltalls), nicht erhöret und nicht zu Gunsten der Bittenden beschieden werden."
"Maria, als die mit so hohen Geheimnissen erfüllte, geheiligte und von der Hand Gottes selbst zu seiner Wohnung und zur Begnadigung seines Volkes erbaute Bundeslade, konnte nicht außerhalb des Tempels verbleiben, in welchem ihr Vorbild, die nur aus Holz bestehende Lade, bewahrt wurde. Und darum fügte es Gott, der Erbauer der so wunderbaren geistlichen Arche, daß Maria nach Ablauf des dritten Jahres seit ihrer gnadenreichsten Geburt in sein Haus und in seinen Tempel gebracht wurde. Für sterbliche Augen freilich nicht mit königlicher Pracht, wie es ihr als der Königin der Barmherzigkeit gebührt hätte, sondern auf den Armen von Joachim und Anna, welche, obwohl nicht arm, ihr geliebtes Kind aus Demuth nicht mit Prunk und Aufsehen nach dem Tempel geleiten wollten. Die wahre und eigentliche Hoheit der Übertragung der geistlichen Arche, dieser Erfüllung des Vorbildes, blieb unsichtbar, weil in Gott verborgen, wie überhaupt die Geheimnisse der allerseligsten Jungfrau so erhaben und unerreichbar sind, daß gar Vieles davon noch heute wie damals, unbekannt ist, gemäß dem unerforschlichen Rathschlusse Gottes, der für Alles und Jedes Zeit und Stunde sich vorbehalten hat."
"Die heiligen Eltern Joachim und Anna machten sich von Nazareth aus, nur von wenigen ihrer Verwandten begleitet, auf die Reise nach Jerusalem, um ihr heiligstes Kind, die wahre und lebendige Arche des Bundes, auf den mütterlichen Armen Anna's in den Tempel zu bringen. In der Sehnsucht feurigster Liebe eilte das lieblichste Kind "dem Wohlgeruche der Selbung ihres Geliebten" (Hohes Lied 1, 3) entgegen, Ihn im Tempel zu suchen, den sie im Herzen trug. Diese demüthige Prozession zog, von den Erdebewohnern nur wenig beachtet, und ohne allen sichtbaren Glanz ihres Weges; aber es umschwebte sie eine glänzende Schaar der englischen Geister, welche zur Feier dieses Festes in größerer Zahl vom Himmel gekommen waren, als die ihrer Schutzengel war, welche für gewöhnlich ihre jugendliche Königin umgaben. Unter neuen Lob- und Preis-Gesängen in himmlischen Weisen gaben sie der heiligen Prozession das Geleite von Nazareth bis zur heiligen Stadt Jerusalem. Die Königin der Himmels, welche ihre Gott wohlgefälligsten Schritte der Betrachtung des Allerhöchsten, des wahren Salomon, entgegen richtete (Hohes Lied 7, 1), sah und hörte sie alle; die seligsten Eltern aber empfanden hohe Freudigkeit des Geistes und Trost im Herzen."
"Vor dem Tempel angelangt, führte die heilige Anna ihr Kind und zugleich ihre Herrin, an der Hand durch die Vorhöfe; der heilige Joachim gab ihnen voll Sorgfalt sein hilfreiches Geleite. Im Tempel selber aber goß diese glückseligste Dreizahl voll Andacht ihre feurigsten Gebete vor Gott aus: die Eltern, Ihm ihr Kind als Opfer darbringend; das Kind aber in tiester Demuth, Anbetung und Ehrerbietung sich selbst zum Opfer weihend. Dem Kinde allein ward es offenbar, wie wohlgefällig sein Opfer von Got an- und aufgenommen wurde; denn es hatte aus dem himmlischen Glanze, der nun den Tempel erfüllte, die Stimme zu vernehmen; die sprach: 'Komme, meine Braut, meine Auserlesene, komme zu meinem Tempel, wo Ich will, daß du Mich lobest und preisest!' Nach vollendetem Gebete standen sie auf und gingen zu dem Dienst thuenden Priester, dem die Eltern ihr Kind Maria üergaben und der darüber Gebete sprach. Darnach begleitete er mit den Eltern das Kind nach der Wohnung der Tempeljungfrauen, die hier in Abgeschiedenheit zur Gottseligkeit erzogen wurden, bis sie die Reife des Alters für Verehlichung erlangt hatten. Es waren vornehmlich die erstgeborenen Töchter aus dem königlichen Stamme Juda und aus dem priesterlichen Stamme Levi, welche sich hieher zurückzuziehen pflegten."
"Der Aufgang zu dieser gemeinschaftlichen Wohnung hatte fünfzehn Stufen, über welche herab andere Priester entgegen kamen, Maria, das gebenedeite Kind, zu empfangen. Der Priester aber, der das Kind führte und es zuerst von den Eltern empfangen hatte, geleitete es auf die erste Stufe, wo das Kind ihn bat, von seinen Eltern Abschied nehmen zu dürfen. Dann wendete es sich zu Joachim und Anna, bat sie knieend um ihen Segen und küßte ihnen die Hände mit der Bitte, ihrer vor Gott im Gebete eingedenk zu bleiben. In tiefster Rührung und unter reichlichen Thränen nahmen die heiligen Eltern segnend von ihrem Kind Abschied. Maria aber eilte, ohne umzublicken und ohne eine Zähre zu vergießen, in heiligstem Eifer und voll Freudigkeit allein die fünfzehn Stufen hinan. Es war an ihr weder ein Zeichen irgendwelchen kindischen Wesens, noch einer Traurigkeit über die Trennung von ihren Eltern wahrzunehmen; im Gegentheil riß sie durch ihre an so zartem Alter ganz ungewöhnliche Hoheit und Lauterkeit Alle zur Bewunderung hin".
"In der Wohnung der Tempeljungfrauen wurde das Kind von dem hl. Simeon, als dem Vorsteher derselben, den bejahrten Wittwen übergeben, welche hier die Dienste der Lehrerinnen zu versehen hatten. Unter diesen befand sich die Prophetin Anna, welche im voraus von Gott einer besonderen Gnade und Erleuchtung gewürdiget worden war, um die Sorge für die Tochter Joachims und Anna's auf sich zu nehmen. Sie that dieß also auf göttliche Anordnung; da sie durch ihre Heiligkeit und ihre Tugenden die Gnade verdient hatte, Jene zu ihrer Schülerin zu haben, welche die Mutter Gottes und die Lehrmeisterin aller Creaturen werden sollte."
"Joachim und Anna kehrten in tiefstem Schmerze nach Nazareth zurück, indem sie die volle Größe ihres Opfers empfanden, das sie mit der Hingabe ihres kostbarsten Schatzes gebracht hatten. Gott aber flößte ihnen Stärke und Tröstung des Geistes ein. Der heilige Simeon wußte freilich nicht, welche Geheimnisse in dem Kinde Maria beschlossen waren; doch empfing er von Gott viele Erleuchtung über ihre Heiligkeit und Auserwählung; auch die andern Priester konnten sie nur mit hoher Ehrfurcht betrachten. Das Aufsteigen des heiligsten Kindes über die Stufen wurde zur eigentlichen und vollkommenen Efüllung des Gesichtes des Patriarchen Jakob von der Himmelsleiter; denn auf jenen Stufen stiegen Engel auf und nieder, jene zum Geleite, diese zum Empfange ihrer Königin; in der Höhe aber war Gott selbst, um seine Tochter und Braut bei sich aufzunehmen, der seine Liebe zu erkennen gab, es sei hier in Wahrheit die Wohnung Gottes und die Pforte des Himmels."
"Das Kind Maria warf sich vor seiner Meisterin demüthig auf die Kniee, bittend um den Segen, und daß sie unter ihre Leitung wolle genommen und zum Gehorsame gegen alle Weisungen und Rathschläge angehalten werden, auch möge sie in Geduld die Sorge und Mühe auf sich nehmen, die sie mit ihr haben werde. Sie begrüßte auch in großer Demuth alle anderen Jungfrauen, nannte sich ihre Dienerin und bat sie, als die älteren und erfahrenern, sie in allen Stücken zu unterweisen, ihr zu befehlen oder sie zu mahnen und dankte ihnen letztlich, daß sie, obwohl dessen unwürdig, in ihre Reihen habe eintreten dürfen. Nun empfing sie, wie auch die Anderen hatten, eine kleine Zelle zur Wohnung, bei deren Betreten sie den Boden küßte. Alles, was sie von den Eltern mitbekommen hatte, übergab sie ihrer Meisterin, um es für Andere zu verwenden; sie selber aber wollte als die ärmste behandelt und im Gehorsam zu den niedrigsten und beschwerlichsten Arbeiten verwendet werden."
"Das heiligste Kind Maria hatte auch das Verlangen, die vier Gelübde der Armuth, des Gehorsams, der Keuschheit und der beständigen Clausur abzulegen. Dieß Verlangen war Gott im höchsten Grade wohlgefällig, und sie verdiente dadurch, daß in der Kirche und im Gesetze der Gnade der Ordensstand begründet wurde, in welchem durch dieselben Gelübde Jungfrauen sich Gott verbinden. In den Gelübden des heiligsten Kindes Maria ist also der Grund zum Ordensstande gelegt worden, gemäß den Worten des königlichen Sängers: "Ihr nachfolgend werden Jungfrauen zu dem Könige geführt". (Psalm 44, 15.)

Donnerstag, Juni 08, 2006

Vorwort von Pater C.E. Schmöger C.ss.R. zum Werk "Emmerick-Visionen" 5. Folge


Tabblo: The Presentation of the Virgin Mary in the Temple

6. Ausführlich und von hoher Bedeutung sind ihre Schilderungen der Vorbereitung des Kindes Maria im ersten Monate seines vierten Lebensjahres zur Aufnahme unter die Tempeljungfrauen zu Jerusalem, der Reise dahin und der Aufnahme selber. Nach der einstimmigen Überlieferung der ganzen Kirche des Morgen- und Abendlandes hatte Maria in ihrem dritten Jahre das Gelübde gemacht, in gänzlicher Abgeschiedenheit von der Welt sich nur allein dem Dienste Gottes als Jungfrau zu weihen; und schon vor ihrer Geburt hatten Joachim und Anna Gott ihr Kind geschenkt und sich verlobt, Maria als Eigenthum Gottes zum Tempel zu bringen, sobald sie das Alter dazu erlangt haben würde.
Der heilige Johannes Damascenus (Dieses und alle folgenden Citate aus den griechischen Vätern sind dem unsterblichen Werke des P. Passaglia: "De immaculato Deiparae semper Virginis Conceptu Commentarius" entnommen.) nennt diese Opferung Mariä und ihr eilfjähriges Verweilen am Tempel als Tempeljungfrau: "eine vollkommen verbürgte, gewisseste Thatsache und ein aller Ehre und Lobpreisung würdiges Geheimniß, welches unvergängliche Segnungen und Heil Allen gebracht habe." Die morgenländische Kirche hat von den ältesten Zeiten her diese Opferung als ein hohes Fest gefeiert, und die Worte ihrer heiligen Väter und Lehrer geben Zeugniß von der hohen Bedeutung, welche die Kirche in dieser durch ununterbrochene Überlieferung bezeugten Thatsache der Opferung und des Aufenthaltes Mariä am Tempel erkannt hat. Wenn die Kirche an den Festen der heiligsten unbefleckten Empfängniß und der wunderbaren Geburt Mariä die Geheimnisse der ewigen Vorherbestimmung Mariä zur höchsten Würde der Mutter des göttlichen Sohnes und ihrer Ausrüstung mit allen dieser unmeßlichen Würde gebührenden Gnaden, Auszeichnungen und Vorrechten, also Das, was von Gott an und für Maria geschah, in Lobpreisung und Danksagung feiert, so feiert sie am Feste der Opferung die Größe und Herrlichkeit der Tugenden und Verdienste, welche Maria von erster Kindheit an bis zur Vermählung mit dem heiligen Joseph und bis zum Gruße des Engels durch treueste Mitwirkung mit der empfangenen Gnadenfülle sich erworben hat, durch welche Vorbereitung sie auch ihrerseits, d. i. durch eigene Verdienste sich würdig machte, zur höchsten Würde der Mutter des Sohnes Gottes erhöhet zu werden, wie dieß von dem heiligen Papste Gregorius in den Worten bezeugt wird:
"Ist nicht Maria der hohe Berg, welcher, um bis zur Empfängniß des ewigen Wortes hinan zu reichen, den Gipfel seiner Verdienste hinauf über alle Chöre der Engel bis an den Thron der Gottheit erhöhet hat?"
Der heilige Johannes Damascenus sagt:
"Die heiligste Gottesgebärerin ist ein Kind der Verheißung. Durch den Engel wird den Eltern ihre Empfängniß verkündet; denn es geziemte sich, daß auch hierin Maria keiner Anderen nachstehe und geringere Auszeichnung empfange, sie, welche bestimmt ist, den Einen wahren Gott im Fleische zu gebären. Darnach opfert und weihet sie sich dem geheiligten Tempel Gottes, und so lange sie hier in gänzlicher Abgeschiedenheit von der übrigen Welt verweilet, ist ihr ganzes Leben für alle Geschöpfe das Urbild der Vollkommenheit und Reinheit. Verpflanzt in die Wohnung Gottes und genährt mit dem Thau der Gaben des heiligen Geistes wächst sie gleich einer fruchtbare Olive heran zur Wohnung aller Tugenden, und abgewendeten Geistes von jeglichem Verlangen der Welt und des Fleisches bewahret sie in Leib und Seele die erhabenste Jungfräulichkeit, die ihr geziemte, um in ihrem Schoß Gott zu empfagen, der als der Heiligste nur in den Heiligen wohnen kann. Und so wurde sie, stets zunehmend an Heiligkeit, der heilige, wunderbare, für die Einkehr Gottes würdigste Tempel"
Und der heilige Andreas von Creta berichtet in gleicher Weise:
"Da aus einer unfruchtbaren Mutter Jene hervorgekommen war, aus deren Schoß die Ähre der Unsterblichkeit aufsproßte, so wurde sie schon im ersten Blüthenalter von ihren Eltern zum Tempel geleitet und gleich einer Weihegabe Gott dargebracht. Der Priester aber, der in dieser Stunde den Dienst im Tempel hatte, brach in hohes Frohlocken aus, da er schon jetzt die Erfüllung der Erwartung des Kommenden zu schauen bekam; und demgemäß brachte auch er das glückselige Opfer und göttliche Weihegeschenk, das Kind Maria, Gott dar, indem er diesen großen Schatz des Heiles in dem Innersten des heiligenTempels bewahrte, wo das zarte Kind mit himmlischer Nahrung gespeist werden sollte, bis der von Ewigkeit her bestimmte Zeitpunkt seiner Vermählung herankommen würde. Lasset nun auch uns in die Vorhöfe des Templs eilen und mit den Maria voranziehenden Mägdlein in das Allerheiligste eintreten, wo nun diese Knospe zur lieblichsten Blume sich entfalten wird. Gott selbst hat ihr gleich einem Brautgemache die Wohnstätte hier bereitet, indem Er sie hier als sein ehrwürdigstes, herrlichstes Eigenthum für sich aufbewahren will. Und darum öffnet auch der Tempel seine Pforten, um die königliche Zierde des ganzen Weltalls in sich aufzunehmen. Ja offen stehet jetzt das Allerheiligste, um die heiligste Mutter des Allerheiligsten in seinem für Andere unbetretbaren Schoße zu beherbergen."
Übereinstimmend hiemit bezeugt auch der heilige Georgius von Nikomedien:
"Joachim und Anna opfern ihr dreijähriges Kind als das kostbarste und allen Engeln ehrwürdigste Weihegeschenk im Tempel, dieses reinste Gefäß, in welches alle Reichthümer der Gnade niedergelegt sind, das in unaussprechlicher Weise alle Schätze der Heilsordnung Gottes in sich schließt und worin alle Unterpfänder unseres Heiles geborgen sind. Denn es war geziemend, daß das unbefleckte Kind die heilige Dreizahl zuerst an sich selber verherrliche, da durch sie allen Menschenkindern die Macht der heiligsten Dreieinigkeit kund werden sollte, indem in ihr Gott der Vater den neuen Bund der Gnade schloß, in ihr Gott der Sohn Wohnung nahm, um mit dem Fleische sich zu bekleiden, in ihr Gott der Heilige Geist verweilte, um die ungetheilte Dreieinheit zu offenbaren, durch welche die dreifache geschiedene Welt, d. i. die Himmlischen, die Irdischen und Unterirdischen, in der Einen Anbetung Gottes wieder geeint und der Urheber der Scheidung niedergeschlagen wurde. So schwingt sich also heute die makellose Taube auf in die verborgensten Räume des Tempels, der lauernden Bosheit ihres Nachstellers (Lucifers) entgehend, über den sie von Gott von Anbeginn schon ist erhöhet worden. Und heute wird im Tempel das Gefäß des heiligen Geistes aufbewahrt, um würdig sich zur Empfängiß des Wortes zu bereiten. Denn es geziemte sich nicht, daß das reinste Tabernakel in der Atmosphäre der unreinen Welt verweile, sondern daß es an einen untadelhaften Ort gebracht werde, um hier die ersten Regungen der Freude zu empfinden, hier das Unterpfand ihrer Benedeiung in Empfang zu nehmen und hier mit von Engelhänden bereiteter Speise, als einem Vorbilde des heiligen Sacramentes, genähret zu werden. Es geziemte sich, daß der reine, fleckenlose Schatz ferne von jeder Berührung menschlicher Sitten und Gewohnheiten erhalten werde, und billig war es, daß das so helle wie ein Lichtstrahl schimmernde Heiligthum bewahrt bleibe vor jeder Annäherung einer Schuld, daß seine Ohren unzugänglich seien irgendwelchen Worten des Truges; denn in diesen Ohren wird ertönen die Stimme des Engels, durch welche die bittere Trauer aus Eva's Ohren verscheucht werden soll." Und im weiterem Verlaufe seiner Rede legt der heilige Georgius den Maria bei ihrer Opferung begrüßenden Engeln die Worte in den Mund: "O scheinbar kleines und schwaches Gefäß, wir schauen dich voll Gnade! O Tochter der Menschen, wie hoch und in welch' unvergleichlichen Weisen erhebest du dich über alle Grenzen und Fähigkeiten der menschlichen Natur! O welche Erstlinge ihrer Früchte vermag in dir die Menschheit Gott ihrem Schöpfer darzubringen! Welch' ein Opfer hat sie mit dir Ihm gebracht! Ein Opfer, wie es Gottes vollkommen würdig ist und geistiger noch, als alle Opfergaben, die wir Geister Ihm darzubringen im Stande sind; denn es ist geheiligter und reiner, als unsere Reinheit selbst. Und bringen wir unsere Unschuld mit der deinigen in Vergleich, so erkennen wir, daß die unsrige in dieser Vergleichung nicht bestehen kann, und daß sie der Hoheit deiner Heiligkeit und deiner unbefleckten Reinheit in keiner Weise gleichkommt". "Sind auch", sagt der heil. Sophronius, "die Engel ihrer Natur nach höherer Ordnung, als die Menschen, so doch nicht der Gnade nach; denn auch die Engel sind nur durch die ohne ihr Verdienst ihnen von Gott verliehene Gnade vor dem Falle bewahrt worden. In ihrer Tugendfülle aber, welche über jede Lobpreisung erhaben ist, ragt Maria empor über alle Ordnungen der englischen Geister. Ihre Hoheit reicht hinauf über die höchsten Kreise des Himmels; ihre Heiligkeit strahlet heller als das Licht der Sonne und der Glanz ihrer Verdienste ist leuchtender als die Würde der Engel. Sie verdunkelt die strahlenden Erzengel; sie erhebt sich über die höchsten Sitze der Throne, sie ist höher als die Herrschaften, sie gehet voran den Fürstenthümern, stärker ist sie als die Kräfte, und ihre Augen dringen tiefer als die der Cherumbim, und die von Gott bewegten Schwingen ihres Geistes streben höher als die sechsfach geflügelten Seraphim; ja allen Creaturen gehet sie weit voran, denn über alle erglänzet sie in Reinheit."
Daß die allerseligste Jungfrau, so lange sie im Tempel veweilte, auf übernatürliche Weise durch Engel gespeistet wurde, wird nicht allein von den Vätern der morgenländischen Kirche ohne Ausnahme berichtet, sondern ist auch in den Lobpreisungen ihrer liturgischen Hymnen gefeiert. So sagt der heilige Germanus von Constantinopel:
"Voll Freudigkeit und frohlockend, wie eine Braut in ihr Brautgemach, zieht das Kind Maria in den Tempel Gottes ein: ihrem Alter nach erst dreijährig, jedoch der Gnade nach von Gott dem Lenker aller Dinge als höchst vollkommen und vollendet vorhergewußt, vorherbestimmt und auserwählt. Sie weilet nun im Innersten des Heiligthumes, durch Engel mit himmlischer Speise genährt und mit himmlischem Getränke erquickt."
Diese Speisung beschreibt näher der heilige Georgius von Nikomedien, wenn er sagt:
"Der Priester, welcher das Kind Maria im Tempel in Empfang nahm, erkannte ihre Schönheit und ihr Wesen als den Ausdruck höchster Gottseligkeit; er nahm aber auch die Dienstleistung des Engels wahr, und darum suchte er sich die hohe Bedeutung der Jungfrau klar zu machen, welche die Dienstleistung des Engels ihn ahnen ließ. Er blieb nicht bei Dem stehen, was sein Auge zu schauen bekam, sondern suchte das viel Höhere zu ergründen, was ihm darunter verborgen schien. Die Nähe des Engels und sein Verweilen bei dem Kinde war nämlich eine Hinweisung auf die Ankunft des Erzengels Gabriel, welche Gott im Voraus anzeigen und auf die Er Maria bereiten wollte. Die von dem Engel gebrachte Speise aber deutete auf das Brod des Lebens."
Der hl. Bischof Tharasius sagt:
"Ferne von allem Thun des kindlichen Alters diente Maria in der Verborgenheit des Tempels nur Gott, und empfangend vom Himmel her durch Engel ihre Nahrung, bedurfte sie nicht einer gewöhnlichen Speise; und Tag für Tag die Freude der Engel betrachtend erschien sie hoch erhaben über die Sorgen dieser Welt, und in ununterbrochener Beschauung des heiligen Geistes hielt sie in wunderbarer Kraft alle Scharen der bösen Geister von sich ferne. Denn was war das Thun der Jungfrau im Allerheiligsten des Tempels? Der Engel Brod empfing sie durch Engel und als die makellose Taube ihre Jungfräulichkeit bewahrend lag sie vor dem Werkmeister des Tempels, des Himmels und der Erde in Danksagung und in Ausgießung ihres Herzens zu Ihm flehend: Ich preise Dich, o höchster, allmächtiger Gott, der du die Schmach meiner ersten Gebärerin, der Eva, (durch meine unbefleckte Empfängniß) getilget hast und in deiner unendlichen Erbarmung den Eingeborenen zur Erde niedersenden willst, damit Er unter den Menschen wandle."
Und der hl. Theophylactus ruft aus:
"Gott selber offenbaret, wie sehr Ihm die Opferung der heiligsten Jungfrau und Alles, was von ihr im Tempel geschieht, gefällt; denn Er läßt ihr durch den Dienst seines Engels die Speise bereiten, sie auf wunderbare Weise nähren, sie, die darnach Ihn selber gebären und ernähren soll, so daß an der süßesten Jungfrau nichts nach Art der gewöhnlichen Menschen, sondern Alles als göttlich erscheine."
In einem griechischen Hymnus auf das Fest der Opferung heißt es:
"Nun ist der Tag des Heiles für Jene angebrochen, die in der Nacht der Trübsal weilen. Die Himmelspforte schreitet über die Schwelle des Tempels und im Glanze seiner Leuchten betritt sie das Allerheiligste, um hier mit heiliger Stärkung zur geheiligten Wohnung Gottes ernährt zu werden. Das geistliche Brautgemach des ewigen Wortes wohnet nun im Allerheiligsten, wo es von des Engels Hand die himmlische Nahrung empfängt. Die Heilige, die Unbefleckte im heiligen Geiste wird in das Allerheiligste eingeführt und vom Engel gespeiset, sie, welche bestimmt ist, der wahre allerheiligste Tempel unseres Gottes zu werden."
Der hl. Theophanes legt der hl. Anna bei der Opferung die Worte in den Mund:
"Empfange, o Priester Zacharias, das Kind, von welchem die Propheten im heiligen Geiste geweissagt, führe es ein in das Heiligthum, damit es hier in Heiligkeit erblühend für den Herrn aller Dinge sein göttlicher Thron, sein Palast, sein glänzendes Gewand werde." Johannes Monachus sagt: "In zartester Kindheit, aber in höchster Stärke des Geistes wird Maria als die geheiligte Lade des Bundes in die Wohnung Gottes gebracht, um hier mit dem Thau der göttlichen Gnade gespeiset und hier im Innesten des Tempels als unversehrte Jungfrau zur Wohnung des Sohnes Gottes wunderbar bereitet zu werden." Der hl. Leo Magister: "Die herrliche Frucht der göttlichen Verheißung, die wahre Gottesgebärerin erscheint in der Welt als das erhabenste ihrer Geschöpfe. Sie wird zum Tempel Gottes gebracht, erfüllend das Geblübde ihrer heiligen Eltern. Hier verbleibt sie, behütet vom heiligen Geiste und mit himmlischer Speise genähret, damit sie der Welt gebären könne das Wort, als das Brod des Lebens. Darum wird sie als der auserwählte und vollkommen makellose Tempel geheimnißvoll mit dem heiligen Geiste verbunden und dem himmlischen Vater verlobt".

Dienstag, Mai 09, 2006

Vorwort von Pater C.E. Schmöger C.ss.R. zum Werk "Emmerick-Visionen" 4. Folge

5. Es wird gesagt: "Das Geheimniß der Demuth"; denn die Demuth Mariä ist das Geheimniß aller Geheimnisse, das Geheimniß d. i. der Grund, das Fundament wie die Vollendung aller ihrer Gaben, ihrer Vorzüge, ihrer Größe und Herrlichkeit und Gipfel ihrer Heiligkeit und Tugendfülle, wie alle heiligen Väter und Lehrer mit einstimmiger Bewunderung dieses unbegreiflichen Wunders es bezeugen. Und daß gerade dieses Geheimniß so wahrhaftig, in so hinreißender Einfalt in jedem Wort, das die selige Emmerich über Maria vorbringt, geschildert ist, das ist in den Augen des Herausgebers der größte und entscheidenste Beweise, daß ihre Gesichte aus dem Geiste der Wahrheit stammen, daß sie eine reine, echte Gabe Gottes sind, der nur eine Seele, die selbst in der tiefsten Demuth fest begründet war, zu einem so reinen, lauteren Spiegel der ewigen Wahrheit machen konnte. Dichtung, Täuschung oder Lüge sind nicht vermögend, ein der Wirklichkeit annäherndes Bild auch nur der für einen vollkommenen Christen erreichbaren Demuth zu entwerfen, um wie viel weniger aber das Urbild der Demuth, wie es in Maria offenbar wurde, so treu, so lebenswahr, so absichtlos, so unwillkürlich in jedem Wort, in jedem Zuge, in jeder Handlung zu zeichnen, wie es in den Mittheilunen der seligen Emmerich geschieht, die eben in dieser puritas et simplicitas das Siegel der Echtheit und ihres höheren Ursprunges an sich tragen. Sie zeigen, wie Maria als die vollkommenste, heiligste, weiseste, mächtigste und schönste aller Creaturen Himmels und der Erde, als die Bewunderung und das Entzücken aller Chöre der Engel, als die Erfüllung der tausendjährigen Sehnsucht und Erwartung der Patriarchen und Propheten und aller Gerechten von Adam herab bis auf Joachim und Anna auf wunderbarste Weise geboren wurde, und schon jetzt an Stärke und Umfang der Erkenntniß und Weisheit, an Fülle aller Gaben die höchsten Chöre der englischen Geister übertraf, wie in der Bulle Ineffabilis bezeugt ist:

"Hoch über alle englischen Geister und alle Heiligen ist sie mit der aus dem Schatze der Gottheit entnommenen Fülle aller himmlischen Gnadengaben so wunderbar ausgerüstet, daß sie allzeit ganz und gar frei von jeglicher Makel einer Sünde, und ganz schön und vollkommen, und mit solcher Fülle der Unschuld und Heiligkeit begabt ist, wie eine größere nach Gott nicht gedacht werden kann, und welche außer Gott kein erschaffener Verstand auch nur zu begreifen vermag. Sie ist der Sitz aller göttlichen Gnaden, sie ist geschmückt mit allen Gaben des heiligen Geistes, ja sie ist dieser Gaben unversiegbare Schatzkammer und unerschöpflicher Abgrund."

Diesen unermeßlichen Reichtum aber besitzt Maria, nach den Schilderungen der seligen Emmerich, als ein jedem menschlichen Auge verborgenes, nur dem Auge Gottes allein durchdringliches Geheimniß, ja wie ein Geheimniß, das selbst den Blicken ihres eigenen Geistes wie verschlossen scheint. In Wirklichkeit freilich liegt diese unendliche Fülle der Gaben, Zierden und Vorzüge offen vor ihren Augen; aber so unbegreiflich hoch wie diese Fülle, so unbegreiflich tief ist das Geheimniß ihrer Demuth, der es eigen ist, sich vor allen Geschöpfen auf Erden verborgen zu erhalten, ja um alle ihre Schätze und Reichthümer wie nicht zu wissen, um sie nur allein dem Auge Gottes, nicht sich selber, offenbar sein zu lassen. Durch die Uebermacht ihrer tiefsten Demuth sind sie vor ihr wie mit einer undurchdringlichen Hülle umgeben, damit ihr Auge nie darauf ruhe, sondern wie Johannes Damascenus sagt, allzeit unverwandt nur nach ihrem Gott und Herrn in dem ewigen unzugänglichen Lichte gerichtet sei.
Oder, wie der heilige Bernhardin von Siena sich ausdrückt: "So groß ist die Vollkommenheit der seligsten Jungfrau, daß, sie zu schauen, Gott sich allein vorbehalten wollte." "Nicht nur um ihrer höchsten Reinheit willen, sagt Albert der Große, sondern mehr noch um ihrer tiefsten Demuth willen verdiene Maria den Sohn Gottes zu empfangen. Wohl konnte sie auf den Gruß des Engels erwiedern: "Siehe ich bin die Braut des Vaters, die Mutter des Sohnes, das Heiligthum des Heiligen Geistes", aber sie hielt sich in ihrer Demuth für so gering, daß sie nur antwortete: "Siehe ich bin die Magd des Herrn." Und auch im Magnifcat spricht die Jungfrau der Jungfrauen nicht: "Er hat angesehen die Reinheit, sondern die Niedrigkeit seiner Magd." Dasselbe sagt der heilige Bernardus: "Wie sehr auch Gott ihre Jungfräulichkeit gefiel, so war es doch ihre Demuth, in der Maria vom heiligen Geist empfangen hat." Indem der heilige Augustinus Maria der Eva gegenüberstellt, bedient er sich der Worte: "Eva bedachte nicht, daß sie nur ein Geschöpf und ein Werk Gottes sei, sondern wollte aus Stolz Gott gleich werden. Die Demuth Mariä aber fühlt sich nur als Geschöpf und nennt sich die Magd ihres Herrn und Erschaffers. Und darum ward Eva verworfen, Maria aber auserwählt; und was Eva's Stolz verlor, das rettete wieder die Demuth Mariä."
Maria ist schöner, weiser und mächiger als Lucifer, der oberste der Engel, vor seinem Falle; sie ist aber von Anbeginn sein vollkommenstes Gegenbild. Verloren in das Anschauen seiner Schönheit und Größe empörte sich Lucifer gegen Gott, seinen Herrn und Schöpfer, und ward mit seinem ganzen Anhange in die Hölle gestürzt. Maria aber fühlt und weiß sich nur als aus dem Nichtsein von der Allmacht Gottes zum Leben gerufen, sie denkt sich niedriger, als jedes andere Geschöpf und begehrt als deren letztes Gott allein nach allen ihren Kräften zu dienen. Und demgemäß zeigen die Mittheilungen der seligen Emmerich in rührender Einfachheit Maria, den Sitz der Weisheit, den Spiegel der Gerechtigkeit, als das äußerlich unmündige, gehorsamste, unterthänigste Kind von Joachim und Anna, die nur Thränen der Liebe und Ehrfurcht haben, wenn sie den Glanz seiner Heiligkeit und Weisheit nicht selten die engen Schranken dieser schwachen Kindheit durchbrechen sehen.

Fortsetzung folgt

Samstag, April 29, 2006

Vorwort von Pater C.E. Schmöger C.ss.R. zum Werk "Emmerick-Visionen" 3. Folge

3. Dieser wahrhaft providentielle Charakter der Mittheilungen der gottseligen Anna Katharina gerade für unsere Zeit tritt besonders klar und deutlich in allen jenen Eröffnungen hervor, welche die Geheimnisse und Thatsachen des Lebens der allerseligsten Jungfrau zum Gegenstande haben. Diese umfassen in der einfachsten, schlichtesten Form das Schönste und Tiefinnigste, was die heiligen Väter und großen Lehrer von Maria bezeugen, und was die ganze Kirche in ihrer heiligen Liturgie in Lobpreisungen, Danksagungen und Gebeten als ihr untrügliches Bekenntniß von der alles Begreifen übersteigenden Reinheit, Heiligkeit, Würde und Gnadenfülle der heiligsten Gottes-Gebärerin ablegt. Es erscheint nämlich in den Gesichten der seligen Emmerich das wunderbare Leben der seligsten Jungfrau ähnlich, wie es in den heiligen Tageszeiten des kirchlichen Festkreises uns vor Augen geführt wird, als ein zweifaches: als ein inneres, geheimes, in Gott verborgenes, d. i. nur Gott allein und den Engeln und wenigen Bevorzugten aus den Menschen nur so weit bekanntes, als es Gott selber ihnen zu schauen verleiht; und als ein äußeres und offenbares oder unter den Augen ihrer nächsten Umgebung in der Ordnung, den Umständen und Verhältnissen ihres armen, demüthigsten irdischen Wandels verlaufendes. Im Geheimniß ihrer heiligsten und unbefleckten Gempfängniß nimmt das zeitliche Leben Mariä seinen Anfang; und in diesem Anfange, also schon im Mutterschoße, ist Maria mit jener Heiligkeit und Gnadenfülle ausgerüstet, von welcher Pius IX. in der dogmatischen Bulle "Ineffabilis" den Glauben der Kirche mit den Worten bezeugt:
"Maria leuchtet in so mächtiger Begabung mit allen Schätzen des Himmels, in solcher Fülle der Gnade, in solchem Glanze der Unschuld, daß sie ein Wunder der Allmacht Gottes ist, dessen Größe keine Zunge zu erreichen vermag; ja daß sie der Gipfel aller seiner Wunderwerke und würdig ist, die Mutter Gottes zu sein. Sie ist in solcher Nähe zu Gott erhöhet, soweit eine erschaffene Natur solcher Erhöhung überhaupt theilhaft werden kann; und darum vermögen die Zungen der Engel so wenig als die der Menschen, ihr Lob zu erreichen."
Und im Officium auf das Fest der heiligsten unbefleckten Empfängniß betet die Kirche:
"Maria ist der Ablganz des ewigen Lichtes, der Spiegel ohne Makel. Sie ist schöner als die Sonne und reiner als der Strahl des Lichtes. Nur Gott allein ist über ihr; sie aber über allen anderen Creaturen. Von Natur aus ist sie schöner, als selbst die Cherubim, die Seraphim und alle englischen Heerschaaren. Sie nach Würdigkeit zu preisen, sind die Zungen der Himmlischen, der Irdischen und der Engel nicht vermögend. Deine Heiligkeit, o unbefleckte Jungfrau, erfüllet selbst die Chöre der Engel mit staunender Bewunderung."

4. Diese Schönheit, Herrlichkeit und Gnadenfülle der allerseligsten Jungfrau wurde im Anbeginn der Zeit von Gott den Engen und dem Stammvater unseres Geschlechtes, dann Noe, Abraham und allen Patriarchen und Propheten geoffenbart, indem ihnen Maria als die unbefleckte Jungfrau vorgestellt wurde, aus welcher die Rettung und das Heil der gefallenen Menschheit und die Ergänzung der englischen Chöre hervorgehen solle. Und diese Offenbarungen hatten, wie alle Führungen, Institutionen und Mysterien, welche im Laufe der Zeit der barmherzigste Gott dem auserwählten Volke zu verleihen sich würdigte, kein anderes Ziel, als die Fülle der Zeit herbeizuführen und aus dem Schoße der Kirche des alten Bundes das von Ewigkeit her vorbestimmte reinste und heiligste Gefäß der Gnade hervorzubringen; von dessen ausdrücklicher Zustimmung und beharrlichster treuester Mitwirkung die Vollführung der heiligsten Menschwerdung und Erlösung Gott selber abhängig machen wollte. Alle diese vorbereitenden Veranstaltungen Gottes finden in den Mittheilungen der seligen Emmerich eine sehr einfache und anschauliche Darstellung und zwar in tiefsinnigen Bildern und Anschauungen, welche nicht bloße Figuren oder leere Sinnbilder, sondern der, wenn auch schwache und dürftige, doch reine und wahre Wiederschein des wirklich Geschehenen, der Wahrheit und Geschichte sind, ähnlich wie z. B. die Worte der lauretanischen Litanei die volle Wahrheit und die ewigen und wirklichen Thatsachen in sich schließen, wenngleich die engen Grenzen der menschlichen Sprache den unbegreiflichen Geheimnissen der Größe und Herrlichkeit Mariä nicht den vollen Ausdruck zu leihen im Stande sind.
Es erscheint nicht übeflüssig, dieß hervorzuheben; denn das Leben Mariä auf Erden ist für das sinnliche oder nur natürliche menschliche Auge ein so einfaches, ein scheinbar in so engen Grenzen verlaufendes, armes und demüthiges, daß nur zu leicht ein flüchtiger Leser über dieser Einfachheit und über den mit ihr verknüpften äußeren Beschwerden, Mühsalen und Nöthen dieses demüthigsten Lebens vergißt, daß Maria schon bei ihrem ersten Eintreten in die Zeit des irdischen Wandels, also schon im Mutterschoße, bleibend, dauernd, für ewig, nicht etwa nur vorübergehend, Das in voller Wirklichkeit und lebendiger Fülle war und besaß und in sich trug, was an Schönheit, Gnade, Erleuchtung, Macht, Weisheit, Würde und Erhabenheit über alle Geschöpfe Himmels und der Erde für sie von Ewigkeit her von Gott bestimmt war, und im Geheimniß der heiligsten unbefleckten Empfängniß ihr mitgetheilt wurde. Selbst unter solchen Lesern, welche die kirchlichen Tageszeiten beten, also das Bekenntniß des heiligen Glaubens der ganzen Kirche an die unbegreifliche Größe und Herrlichkeit Mariä in Hymnen, Antiphonen und Lectionen lobpreisend so oft zu wiederholen die Gnade haben, gibt es Manche, die viel zu wenig Gewicht darauf legen, daß Alles, was sie im Namen der Kirche von Maria betend und lobpreisend bekennen, nicht etwa nur von Maria als im Himmel thronend gilt, sondern daß alle diese Lobpreisungen in erster Reihe die Thatsachen und Geheimnisse ihres Eintrittes in die Welt und des ganzen Zeitraumes ihres irdischen Lebens zum Gegenstande haben, welche Thatsachen ja die nothwenige Vorbedingung ihrer Herrlichkeit im Himmel waren. Die Officien der Kirchenfeste Mariä sind nicht etwa nur musikalische Symphonieen, mit welchen die Kirche ihrer Feier einen möglich festlichen Charakter verleihen will, deren Worte aber der Beter oder Leser nicht im vollen, buchstäblichen Sinne als Bekenntniß der Thatsachen der heiligen Geschichte und als den Inhalt des göttlich-geoffenbarten, untrüglichen Glaubens zu nehmen hätte; nein, sie sind im strengsten Sinne das letztere und darum enthüllen sie uns in dem Lichte des göttlichen Glaubens nicht allein das Geheimniß der unbegreiflichen Hoheit und Würde, sondern auch das Geheimniß der Demuth des Lebens Mariä.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, April 19, 2006

Vorwort von Pater C.E. Schmöger C.ss.R. zum Werk "Emmerick-Visionen" 2. Folge

1. Bei Veranstaltung der ersten Ausgabe des dreibändigen Lebens Jesu war der Unterzeichnete von der Absicht geleitet, den Inhalt der Tagebücher des Clemens Brentano unverkürzt und unverändert vorzulegen, damit jeder unbefangene Leser mit leichter Mühe daraus entnehme, wie der Schreiber nichts Anderes hatte geben wollen und geben können, als was die selige Emmerich aus ihren Anschauungen mitzutheilen im Stande war. Es lagen somit dem Leser alle Ungenauigkeiten, alle Wiederholungen, alle später von der Erzählenden gemachten Ergänzungen oder Einschaltungen in derselben Weise und Gestalt vor Augen, in der sie entstanden waren, damit ihm gerade hierin der deutlichste Beweis geboten wäre, daß der Erzählenden irgendwelche Absichtlichkeit ebenso ferne gelegen, wie dem Schreiber eigenmächtige Zuthaten. In der vorliegenden Ausgabe aber ist nicht nur die für den Leser oft so störend gewordene Anführung der Wochen- und Monatstage, an denen die Erzählung und Aufzeichnung des Geschauten geschehen war, hinweggelassen, sondern auch alle Wiederholungen und Ungenauigkeiten in Beschreibung der Örtlichkeiten des heiligen Landes, während die von der Erzählenden nachträglich gemachten Verbesserungen an jenen Stellen eingefügt wurden, wohin sie ursprünglich gehört hatten. Auch die Einleitungen, welche vom Herausgeber bei Besorgung der ersten Auflage jedem der drei Bände vorangestellt waren, erscheinen der Raumersparung wegen hier nicht mehr. Dagegen wird der Nachweis der durchgehenden Übereinstimmung gegeben, in welcher Alles, was die selige Emmerich von den Thatsachen und Geheimnissen des heiligsten Lebens Mariä berichtet, mit der ältesten Überlieferung und mit den Offenbarungen der heiligen Brigitta und der "Geheimnißvollen Stadt Gottes" der seligen Maria von Agreda sich findet.

2. Alle Bilder der Geschichte unseres Heiles, wie sie hier dem Leser geboten werden, sind Früchte, welche auf dem Baume unermeßlicher Leiden gereift sind. Wohl hatte Anna Katharina das Licht des Schauens als ein reines Gnadengeschenk Gottes schon in der Taufe empfangen; aber sie hatte dasselbe wie alle anderen ihr von Gott verliehenen Gaben und Vorzüge durch beharrlichste Treue im Streben nach höchster Vollkommenheit in allen christlichen Tugenden und durch heroische Geduld und Standhaftigkeit in Erduldung unaufhörlicher, bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens sich steigernder Leiden jeden Tag wie auf's Neue zu verdienen. Auch wurde für sie die von Gott ihr gebotene Mittheilung des Geschauten eine Quelle von Pein und eine so harte Aufgabe, daß sie nur auf den Befehl ihres Beichtvaters und Seelenführers und in der gewissen Überzeugung, sie erfülle damit den heiligsten Willen Gottes, sich derselben zu unterziehen vermochte.
Diese Thatsachen allein schon, abgesehen von der näheren Würdigung des Inhaltes ihrer Mittheilungen, berechtigen von vorneherein zu dem Schlusse, daß dieselben nach den weisesten Absichten Gottes nicht etwa nur einer geistlichen Unterhaltung oder der Befriedigung thatloser Wißbegierde, sondern einem viel höheren und ernsteren Zwecke zu dienen haben. Gar oft hatte Anna Katharina, wenn sie, überwältigt von dem Eindrucke der unendlichen Liebe und Barmherzigkeit des göttlichen Heilandes, wie solche jeder Zug seines heiligsten Wandels ihr offenbarte, in Schmerz und Rührung ausrief: "O daß doch alle Menschen dieß auch so mitansehen könnten, wie ich arme Sünderin!" die Worte zu vernehmen: "Gehe hin und erzähle es! gib Zeugniß von Dem, was dir gezeigt wird, damit auch Andere es inne werden!" Und in dieser Mahnung liegt der Schlüssel zu dem tieferen Verständnisse der barmherzigsten Absichten Gottes, die Er an jedem Leser dieser Mittheilungen seiner begnadigten Dienerin erreichen will. Es sollen die Herzen bewegt, belebt und befruchtet werden mit den Keimen der göttlichen Liebe, der Hoffnung, des Vertrauens, der Reue und Beschämung über ihre so vielfache Untreue, Kälte und Gleichgiltigkeit gegen ihren gütigsten Herrn und Erlöser, der die ganze Mühsal, Niedrigkeit, Armuth und Bitterkeit seines irdischen Wandels sie empfinden lassen will. Und diese heiligenden Anregungen sind es, welche wie mit geheimer, süßer Gewalt das Auge des Lesers an den Bildern festhalten, um Jesus den guten Hirten näher kennen zu lernen, seine Stimme aufmerksamer zu vernehmen und sich leichter zu entschließen, die Absichten, Neigungen und Gesinnungen des eigenen Herzens in größere Übereinstimmung und Gleichförmigkeit mit den Worten und dem Vorbilde des guten Hirten, das ist, mit den Grundsätzen und Forderungen der wahren christlichen Frömmigkeit zu bringen.
Würde unsere Gegenwart auch das vollkommenste Buch geboten, das aber nur in belehrenden und ermahnenden Unterweisungen zur Übung der Gottseligkeit bestünde, so würde es bei der fast allgemeinen Unlust und Scheu vor ernsten Wahrheiten nur einen sehr beschränkten Kreis von Lesern finden; denn es sind heut zu Tage nur Wenige, die es noch ertragen können, an die ernsten Pflichten eines wahrhaft christlichen Wandelns erinnert zu werden, und die sich nicht gegen die unleugbare Wahrheit des Evangeliums verschließen, daß ohne Überwindung und Selbstverleugnung, ohne Buße und Abtödtung, ohne Verdemüthigung und Gehorsam, daß endlich ohne beständigen Kampf gegen die inneren und äußeren Anreizungen zur Sünde das Reich Gottes nicht in Besitz genommen werden kann. Darum erscheint es als eine unbegreifliche Güte und Herablassung des göttlichen Heilandes an die seiner Hilfe und seiner Erbarmungen so sehr bedürftige Zeit, daß Er sich gewürdiget hat, ihr in den Gesichten seiner begnadigten Dienerin nicht einfache Belehrungen zu bieten, sondern ihr ein treues Spiegelbild seines armen, demüthigsten, mühseligsten, irdischen Wandels aufzurollen, damit sie Ihn auf jedem Schritt und Tritt begleiten, und gleichwie mit den leiblichen Augen betrachten möge, welch' ein Übermaß unendlicher innerer und äußerer Leiden, Peinen und Trübsale Er für die Rettung unserer Seelen auf sich genommen hat, und wie unermeßlich seine Liebe und Geduld, seine Langmuth und Barmherzigkeit gegen uns, in der es Ihm nicht zu viel wurde, nicht allein sein eigenes Leben im bittersten Tode für uns am Kreuze zu opfern, sondern auch seine unbefleckte, sündelose, heiligste Mutter, die seiner zärtlichsten Liebe mehr als alle Engel und Menschen zusammen würdig war, von dem Mit-Erdulden aller Peinen, Beschwerden und Nöthen seines irdischen Wandels und von dem vollständigen Mit-Erleiden seines bittersten Leidens und Sterbens nicht auszunehmen.
Dieß Alles tritt in den einfachen, schmucklosen Berichten so anschaulich, so wahr und ergreifend und in solcher Übereinstimmung mit den heiligen Evangelien und der ganzen kirchlichen Überlieferung dem Leser vor Augen, daß man sich des Gedankens nicht erwehren kann, es wolle Jesus, der gütigste Hirte, auch die unwissenden, die lauen, die gleichgiltigen Glieder seiner Heerde auf lieblichste, unwiderstehliche Weise zu sich rufen und einladen, nach Ihm auch einmal ihr Auge zu wenden und Ihm nur einen kleinen Theil ihrer so flüchtigen und so wenig geachteten, aber unendlich kostbaren, weil unersetzlichen, Zeit der kurzen Lebensdauer zu schenken, um Ihn besser kennen, mehr lieben und auf die Rettung ihrer Seelen mehr achten zu lernen. Er will der thatlosen Lesesucht der Gegenwart, die es gewohnt ist, aus tausendfachen Kanälen müßige Zerstreuung und Erschlaffung des Geistes einzufangen, einen unversiegbaren Quell lebendigen Wassers erschließen, damit sie aus ihm wahre und gesunde Erquickung schöpfen möge, welche nicht wie eine ungründliche, flüchtige Erregung wieder verrinne, sondern bleibende Früchte des Geistes hervorbringe, wenn nur der Leser ihren Wirkungen sich nicht verschließen will.

(Fortsetzung folgt)

Das von Pater C.E. Schmöger herausgegebene Werk "Emmerick-Visionen" in 4 Taschenbänden

Montag, April 17, 2006

Vorwort von Pater C.E. Schmöger C.ss.R. zum Werk "Emmerick-Visionen" 1. Folge


Von der in den Jahren 1858 bis 1860 durch den Unterzeichneten besorgten Ausgabe "des Lebens unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi nach den Gesichten der gottseligen Emmerich" in drei Bänden waren bereits vor mehreren Jahren über 10,000 Exemplare vergriffen und die gleiche Anzahl von dem vier Jahre später in einem Bande veranstalteten Auszuge, so daß bei der fortdauernden Nachfrage nach dem Werke seit geraumer Zeit eine neue Ausgabe nöthig geworden ist. Es war darum der Antrag der Verlagshandlung, solche zu bearbeiten, dem Unterzeichneten um so willkommener, als ihm hiedurch Gelegenheit geboten wurde, die sämmtlichen Gesichte der gottseligen Anna Katharina Emmerich über das Geheimniß der heiligsten Erlösung in der nun vorliegenden Gesammtausgabe zu vereinigen. Dieselbe umfaßt sonach alle Mittheilungen, welche die begnadigte Dienerin Gottes aus dem reichen Schatze der von Gott ihr gebotenen Anschauungen der Geschichte unseres Heils zu geben im Stande war; also nicht allein den heiligsten Lehrwandel und das bittere Leiden unseres göttlichen Heilandes, sondern auch die Vorbereitungen und Führungen Gottes an der gefallenen Menschheit von Erschaffung der Welt herab bis zur Fülle der Zeit, in welcher der Sohn Gottes im Fleische erschien, um in Knechtsgestalt unser Heil zu wirken.

Die Mehrzahl der auf die Schöpfung, den Sündenfall und die Zeit des alten Bundes bezüglichen Mittheilungen erscheint hier zum erstenmale und zwar in sorgfältigster Wiedergabe der ersten Aufschreibung, welche Clemens Brentano eine reihe von Jahren hindurch in Dülmen unter den Augen der seligen Emmerich gemacht hatte. In gleicher Weise hat der Herausgeber auch die daran sich reihenden Bilder von den Geheimnissen der Abstammung und des Lebens der allerseligsten Jungfrau mit möglicher Sorgfalt aus den Tagebüchern von Clemens Brentano erhoben und sie in derselben einfachen, kurzen und bruchstücklichen Form dem Leser hier vorgelegt, in welcher Brentano sie von Anna Katharina zu vernehmen hatte und soweit er unter dem Eindrucke ihrer ursprünglichen Mitteilung sie zu Papier hatte bringen können. Daß hiebei eine gewisse Härte und Lückenhaftigkeit der Darstellung, daß unvermittelte Übergänge von einem Gedanken, einer Wahrheit oder Thatsache auf die andere nicht zu vermeiden waren, das liegt in der Natur der spärlichen und so mannigfach durch ihre unermeßliche Leidensaufgabe erschwerten Mittheilung von Seiten der Schauenden, und der Herausgeber unterließ es absichtlich, durch, wenn auch noch so einfache und den Sinn nicht ändernde, Einschiebungen diesen Charakter zu mildern, damit der Leser stets die volle Gewißheit habe, es werde ihm nur Das und Das nur so geboten, was und wie die selige Emmerich es zu erzählen vermocht hatte. Mag darum auch der aufmerksame Leser nicht selten bedauern, daß die Mittheilungen nicht vollständiger ausgefallen, so besitzt er doch des Schönen und Tiefsinnigen immer noch so viel, daß es ihm an stets neuer Anregung zu eigener Meditation nie fehlen, und daß er der Conformität des Mitgetheilten mit den Thatsachen und Mysterien unseres heiligen Glaubens immer klarer sich bewußt werden wird. Es wird auch keinem Leser entgehen, daß, wenn Clemens Brentano irgendwie ergänzend oder erweiternd einzugreifen gewagt hätte, gerade die Bilder vom Paradiese, von der Schönheit des ersten Menschenpaares vor dem Falle und ähnliche für ein Talent, wie das seinige, die verlockendste Versuchung geworden wären, aus seiner scheuen Zurückhaltung herauszutreten und mit eigenem Pinsel die Lücken weiter auszumalen. Allein es findet sich in seinen Tagbüchern keine Spur eines derartigen Versuches; wohl aber zahllose Klagen, daß die Erzählende ihm nicht eine größere Vollständigkeit zu bieten vermocht habe. Und so wird der Leser für die Treue seiner Aufschreibung und für die lauterste Wahrhaftigkeit und Absichtslosigkeit der Erzählerin den klarsten Beweis gerade in dem dürftigen und bruchstücklichen Charakter des Mitgetheilten erkennen.

(Fortsetzung folgt)