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Dienstag, Mai 29, 2007

Die wunderbare Erscheinung Unserer Lieben Frau auf dem Wesemlin, Luzern

Unsere Liebe Frau vom WesemlinWALLFAHRTSGEBET:
Allerreinste Jungfrau und glorwürdigste Mutter Gottes Maria! Ich, dein bedürftiges Pflegekind, verehre, lobe und preise dich in dem Throne der Gnaden und der Herrlichkeit des Himmels, und in diesem heiligen Bildnis auf Erden; ich rufe dich an mit demütiger Bitte und festem Zutrauen, erlange mir von deinem göttlichen Kinde Verzeihung meiner Sünden und der verdienten Strafen, Hilfe in aller Not, sowie Stärke wider die bösen Anfechtungen, kräftige Gnade zur Tugend und Beharrlichkeit im Guten bis an das Ende. Durch Jesus Christus, deinen göttlichen Sohn, der dich allhier glorreich gemacht hat. Amen.
Vater unser. Ave Maria.


Tu gloria Jerusalem, tu laetitia Israel!
Du bist der Ruhm Jerusalems, du die Freude Israels! (Judith 15,10)


Pfingsten ist das Fest des Hl. Geistes. An diesem Tage hat der Hl. Geist, die dritte Person in der Gottheit, feierlich und öffentlich seine Wirksamkeit begonnen, hat das Wort erfüllt, das der Erlöser den Aposteln gegeben: „Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, damit er in Ewigkeit bei euch bleibe." (Joh. 14,16).
Der Hl. Geist hat das Wort des Heilandes hier auf Erden fortgesetzt und will es seiner Vollendung entgegenführen durch seine beständige Hilfe und Leitung, durch seinen Trost und seine Gnadengaben.
Er hat die Apostel belehrt über ihren Beruf und sie bis an die Enden der Erde geführt.
Er hat in drei Jahrhunderten der Trübsal und Verfolgung die Märtyrer zu ewiger Siegeskrone vorbereitet.
Er hat uns die Kirchenlehrer gegeben, durch sie die himmlischen Wahrheiten dem menschlichen Verständnis erschlossen.
Er hat durch die Wechselfälle der Jahrhunderte die Kirche geleitet und sie geschmückt als seine Braut in einer wunderbaren Liturgie, im kirchlichen Gesang, in den herrlichen Bauten der Dome und Münster, in den zahllosen Heiligtümern und Gnadenstätten.

Wandern wir zurück ins sechzehnte Jahrhundert.

Eine erste Stufe jener Zeit, eine erste Generation des sechzehnten Jahrhunderts war bereits vorüber. Der schwere Schlag war geschehen. Die Glaubenseinheit in Deutschland und in der Schweiz war zerrissen, die Glaubenstrennung zum Durchbruch gekommen. Die bekannten Glaubensdisputationen zu Baden und Bern waren darüber geschehen. Im Vaterland (in der Schweiz) standen sich zwei Lager gegenüber. Eine tiefe Kluft hatte sich zwischen die Brüder gelegt. Hüben und drüben waren die Gemüter aufs heftigste erregt. Die religiösen Kämpfe hatten auch ins Politische hinübergeschlagen und die Zeiten waren sehr ernst geworden. Auf beiden Seiten suchte man Hilfe von außen. Die inneren Gegensätze wurden äußerst scharf. In Luzern wollte man um jeden Preis das kostbare Gut des heiligen katholischen Glaubens bewahren. Von Zürich aus suchte man mit aller Kraft der neuen Lehre auch in Luzern und in den Ur- und Altkantonen Eingang zu verschaffen. Man wollte der neuen Weltanschauung und Lehre Zwinglis gleichsam eine Gasse machen. Es war namentlich Ulrich Zwingli, der dabei auch zur Gewalt aufrief. Es kam dazu, daß die protestantischen Kantone den fünf Orten den Absagebrief zusandten. Krieg war's, Bruderkrieg! Die Heere zogen nach Kappel. Aber der alte eidgenössische Sinn und die Unterhandlungen der Führer brachten es – zur bekannten Milchsuppe von Kappel – und dann – zum Friedensschluß. Man reichte sich die Hände und jeder blieb unter den neuen Verhältnissen auf seinem Gebiete. Doch die Gemüter waren nicht beruhigt. Es ist geschichtliche Tatsache, daß von Zürich aus die neue Lehre mit Gewalt verkündet wurde. Scharfe Worte fielen hüben und drüben. So klagten Zwingli und der Rat von Zürich die Innerschweiz an: es seien heftige Worte gegen die neuen Führer gefallen. Man verlangte Sühne. Die Regierung von Luzern war bereit, einige Überbordende zu bestrafen, wenn die Tatsachen arger Beleidigung festgestellt werden könnten, obwohl auch Luzern über schwere Inzichten von der andern Seite her sich beklagen konnte. Aber Zürich verlangte als Sühne Raum und Freiheit, um die neue Lehre ungehindert auch in der Innerschweiz zu verkünden. Es war der Gedanke aufgeglüht: es ist vielleicht möglich, die Innerschweiz doch allmählich ganz loszutrennen – vom alten Glauben, loszutrennen von der heiligen Kirche. Es wurden die Dinge immer ernster. Hüben und drüben wuchsen Zorn und Begeisterung immer mächtiger und gewaltiger. Vorabend vor einem Gewitter!
Blicken wir aber für einige Augenblicke in die Verhältnisse Luzern. Gewiß konnte man damals auch in Luzern gewisse Niedergänge beobachten. Wenn man sich etwas an die vorangehenden Zeiten erinnert, da die Päpste in Avignon, statt in Rom, residierten, wenn man der nachfolgenden zwiespältigen Papstwahlen gedenkt und gewisser revolutionären Strömungen im kirchlichen Leben, dann versteht man tiefe Niedergänge auch auf religiösem Gebiete und im katholischen Volke. Da und dort hatte sich eine gewisse Gleichgültigkeit und Übergemütlichkeit herausgebildet. Es wurde namentlich auch die Predigt und der Religionsunterricht da und dort vernachlässigt. Nichtsdestoweniger lebten in Luzern überwiegend der katholische Sinn, katholische Glaubensfreudigkeit der Gewissen – unerschütterlich: Wir stehen treu zu Christus, wir stehen treu zum ganzen Christus, wir stehen treu zur ganzen Kirche. Seit längerer Zeit hatten sich aufbauende, erneuernde Bewegungen geltend gemacht. Das Leben und Wirken des seligen Bruder Klaus hatte auf lange Zeit hinaus fruchtbar gewirkt. Die Bestrebungen der sogenannten Gottesfreunde verinnerlichten manche Kreise. Der hervorragende Chorherr und spätere Propst Hans Bodler war ein eifriger Katholik, ein tief überzeugter Seelsorger und mutiger Bekämpfer des neuen Glaubens, ein scharfer Gegner Zwinglis. Auf der Kanzel der Hofkirche predigte damals mehrere Jahre der geistvolle, seeleneifrige, ab und zu etwas derbe Apologet: der Franziskaner Thomas Murner, ein hervorragender Bestärker im katholischen Glauben, ein Hauptgegner Zwinglis. Die Regierung berief von auswärts den sehr tüchtigen Pfarrer Forrer, der vorbildlich wirkte. Die Regenten selbst standen mit goldener Treue zum Papst, zum Bischof, zur Kirche. Das war die Lage in unserm Kanton Luzern und insbesondere in der Stadt Luzern, als die Wolken des neuen Gewitters aufstiegen, die ich eben zu schildern versuchte. Ähnlich stand es in den inneren Landen.
Eines müssen wir bewundern: es lebte schon damals ein gewisses Zusammenwirken von Geistlichkeit und Laien, eine Art actio catholica, eine Art katholischer Aktion, die sich der kommenden Gefahr bewußt war.
Die Gegensätze wurden immer schärfer: Zürich dachte an Krieg, Bern riet ab, die Glaubensdisputationen waren schon längst vorüber. Da einigten sich die Gegner: die inneren Kantone durch eine vollständige Proviantsperre und allseitige Marktsperre für inländische und ausländische Waren zu zwingen, der neuen Lehre ihre Tore zu öffnen. Man dachte sich's: Durch Hunger erschüttert, wird das Volk von selbst mutlos und es wird sich eine Gasse für den neuen Glauben auch nach Luzern und in die inneren Kantone öffnen lassen. Wir müssen diese Dinge im Geiste der damaligen Zeit betrachten. Die Verhältnisse gestalteten sich immer schärfer. Es war zu Pfingsten, am Vorabend von Pfingsten. als von Zürich aus – nach langen. vergeblichen Verhandlungen – die scharfe Marktsperre unwiderruflich verhängt wurde für inländische und ausländische Waren. Nun war die Lage hochernst geworden. Was sollte der Winter bringen? Die damalige Wirtschaft der inneren Kantone war durchaus abhängig vom Außenhandel. Ernste Männer sagten sich, es klopfen die furchtbarsten Dinge an: Hungersnot und Elend. Auf der andern Seite sagte man sich: ein gebrochenes Volk fühlt auch die menschlichen Schwächen, dann wird die neue Lehre wie erlösend wirken.
Das ist die geschichtliche Vorstufe. Nun stehen wir vor dem Geschehnis und dem Geheimnis, dessen wir hier gedenken.

Das Geschehnis und Geheimnis von Pfingsten 1531

Pfingsten, die hohe Feier war angebrochen. Pfingsten war auch damals das Fest des Mutes und der Kraft. Pfingsten ist ein Christusfest. An Pfingsten erst vollendete Jesus Christus sein Werk. Darum ist Pfingsten auch Hochostern, Vollostern. Pfingsten ist das Hochfest des Heiligen Geistes, der das von Christus gebaute Schiff der Kirche belebt und auf das Meer der Welt entsendet! Pfingsten ist aber auch ein Marienfest. Mitten in der Apostelschar steht sie, leuchtend wie die Morgenröte.
Damals stand auf dem Wesemlin, da wo jetzt der Hochalter der Kirche sich befindet, eine uralte Kapelle, in jener Zeit beinahe ein Trümmerhaufen. Sie war einst eine stille, heilige Andachtsstätte, klein an Umfang, aber beim Volke beliebt. Mit der Zeit geriet sie in Vergessenheit und stand als halbe Ruine da. Hier im Lande war zwar alles katholisch, aber wie es in ernsten Zeiten sich ereignet: es gab auch in Luzern Geister, die mit der Gegenpartei sympathisierten, und da und dort begannen, wenn auch selten, die Anzeichen des Bildersturmes sich zu zeigen. Man versündigte sich an kleinen Heiligtümern. Man wagte nicht, in die großen Kirchen einzudringen. Aber einige Stürmer versuchten sich an Wegkreuzen und kleinen Kapellen. So geschah es, daß die halbverfallene Wesemlinkapelle beinahe vollständig niedergerissen und das Muttergottesbild an heiliger Stätte in Stücke geschlagen wurde. Nun stand denn dieses Heiligtum da wie eine sinnbildliche Frage: Soll auch in Luzern Maria enthront, entkrönt werden – so viel es an den Menschen lag? Soll ein Sturm losbrechen gegen das katholische Gut, gegen die Erbschaft Christi und der Kirche?
In der Nähe der Kapelle besaß der vornehme Mauritz von Mettenwyl neben seinen Häusern in der Stadt ein Landgut. Es grenzte an jene Kapellenruinen. Wir wissen, daß er sich am Pfingstabend des Jahres 1531 auf stillen Wegen in der Nähe des zerstörten Heiligtums erging. Mettenwyl war ein nüchterner, besonnener, tüchtiger Mann, ein hervorragender Soldat. Er war – im Geiste und nach der Gewohnheit jener Zeit - in höheren Kriegsdiensten in Frankreich gestanden. Dann hatte er eine Reihe von Ämtern in der Stadt inne. Er war Mitglied des Großen und später des Kleinen Rates geworden. Auch verwaltete er zu Zeiten einige Vogteien. Ganz besonders aber lag ihm später das Amt des Spitalmeisters ob. Mit Hilfe seiner edlen Gattin besorgte er in der Stadt die Armen, die Kranken, die Pfründner, die Reisenden. Es leuchtete in seinem Leben ein gewisser sozialer Zug, eine Art lieblicher Verbindung zwischen Religiosität und Humanität. Dieser Mann wandelte am Pfingstabend 1531 ernsten Sinnes über das Wesemlin. Es war am 18. Mai. Er steht in der Nähe der jetzt zerfallenen Kapelle. Sein Gemüt ist tief bedrückt. An Pfingsten, an der Vigil von Pfingsten war die fürchterliche Entscheidung gefallen. In die Pfingstfestfreude und das Pfingstlicht züngelten unheimliche Flammen hinein. Soll es zur äußersten Gefahr kommen? Werden Hunger, Elend, Not ins Land einziehen? Werden schwerste religiöse, innerliche Pflichten und Entscheide an ein durch Not gebrochenes Volk herantreten? Oder sollen wir vorher, noch zur rechten Stunde mit Gewalt in Notwehr das heilige Recht uns holen, wenn alle Verhandlungen scheitern? Da kniet von Mettenwyl nieder und betet. Es war ihm wohl wehe um das zerfallene Heiligtum. Er dachte weiter, tiefer! Ist diese Ruine dort wohl ein Symbol von Ruinen, die unser Land bedecken sollen? Soll der Kampf sich ganz besonders gegen Maria wenden? Mettenwyl versank in tieferes Gebet. Wie schön ist es, – wenn Männer beten! Während er so betete, sah er über der Felsplatte, wo die Ruine stand, einen Nebel aufsteigen und einen Lichtglanz hervorbrechen, der sich nach und nach in einen Strahlen-kranz verwandelte. Und in der Mitte dieser Strahlensonne sah Mettenwyl das Bild einer Jungfrau, rein und herrlich; auf den Armen trug sie das Kind. Mettenwyl war überrascht. Er weiß nicht, was er sich sagen soll. Er betet! Aber immer klarer stand das Bild. Und er begrüßte es: Du bist – Maria! Du bist die Morgenröte, die aufgehende – der Morgenstern – du bist immer der Ruhm Luzerns gewesen – du warst ja immer Schützerin und Helferin und Freude und Ehre unseres Volkes. In diesem Geiste ungefähr, wenn auch nicht mit diesen Worten, obwohl sie damals in Luzern nicht unbekannt waren, huldigte Mettenwyl – Maria. Er gewann die Mannesüberzeugung: Übernatürliches geschaut zu haben. Er behielt die Sache zunächst für sich. Wahrscheinlich hat er aber doch dem Pfarrer der Stadt am Pfingstmontag darüber Mitteilung gemacht.
Was ich jetzt erzählt habe, können wir urkundlich belegen. Wir besitzen durchaus beglaubigte Abschriften einer Urkunde, deren Original noch bis in späte Zeiten vorhanden war, bis Abschriften und Abdrucke sich gemehrt hatten. Sie stammt eigentlich von Mauritz von Mettenwyl selbst. Sein Sohn nämlich, der spätere Stadtschreiber von Luzern, hat die Urkunde über die Erscheinung im Auftrag seines Vaters verfaßt. Diese ausführliche Urkunde hing später in der neugebauten Kapelle auf dem Wesemlin, von der wir noch sprechen werden, ja noch lange Zeit in der noch später erbauten Kapuzinerkirche. Der berühmte Stadtschreiber Renward Cysat hat zu seiner Zeit davon an Ort und Stelle eine Abschrift genommen, das Wichtigste der Urkunde zusammenfassend, und seinen Sammlungen einverleibt. Auch er hat die Vision von Mettenwyl als geschichtliche Tatsache sowohl in jenen Sammlungen als in seiner Wallfahrtsgeschichte hingestellt, obwohl er sonst recht kritisch über Außerordentliches urteilt.

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Zu wissen (sei) und offenbar sei allen christgläubigen Menschen, daß eine lange uralte Zeit her auf diesem Platz und einem Stein oder Felsen ein kleines Käppelein mit trockener Mauer darauf gebauen, und darinnen ein Bild Unserer Lieben Frauen gestanden ist, derselben Bildnis etliche wenig geachtet, noch keine Ehre angetan, also daß solche Kapelle dachlos halb, auch durch Übermütige und Verschmähungspersonen unseres alten, wahren unbezweifelten christlichen Glaubens zerschlagen und verachtet worden. Deshalb so ist auf selbigem Platz allhie am hl. Pfingsttag um die neunte Stunde nachmittags, als man zählte von der Geburt Jesu Christi tausend fünfhundert und dreiß Jahr und eines, an dem Himmel, klar, lauter und heiter, Unsre Liebe Frau, die würdige Mutter Gottes Maria, mit ihrem lieben Kindlein wahrhaftig gesehen worden. Und darnach morndrigs am Montag Nacht zwischen der neunten und zehnten Stunde ist sie abermals gesehen worden mit ihrem lb. Kindlein, auf dem rechten Arm sitzend, die Sonne hinter ihr, den Mond unter ihren Füßen, klar scheinend als wie Gold und dazu zwei Engel oben herab fliegend mit einer spitzigen Krone, ihr dieselbige aufgesetzt. Solches Gesicht hat gewahret eine Viertelstunde lang. Und darnach am dritten Tage, da kam herauf viel Volk erwartend und hoffend, solches an der dritten Nacht auch erscheinen sollte und sie es sehen möchten. Da ist ihnen nichts mehr erschienen.
Solche Gesicht im obgemeldeten Jahr und Tag habe ich Mauritz von Mettenwyl, derzeit Stadtschreiber zu Luzern, mit meinen sündlichen Augen auch wahrhaftig gesehen.


Im Schlosse Schauensee oberhalb Kriens befindet sich ein prächtiges Gemälde, welches die Erscheinung vor Mauritz von Mettenwyl darstellt. Das Gemälde stammt zwar aus dem siebzehnten Jahrhundert. Aber ein genaues fachmännisches, kunstkritisch archäologisches Urteil geht dahin: das Gemälde sei die Kopie eines Originals aus dem sechzehnten Jahrhundert. Stil und namentlich die Begleitgaben im Ölgemälde lassen sich nicht aus dem siebzehnten Jahrhundert erklären. Vor dem Visionsbild kniet in der Mitte ein starker, geharnischter Mann. Ein Spruchband verkündet dessen Namen: J. Mauritz von Mettenwyl, des Rats und Spitalherr. Eine alles krönende Rahmenschrift kündet: „Factum auf Heilig Pfingsttag 1531 um neun Uhren zu Nacht." So tritt dieses eigenartige gemalte Zeugnis zum geschriebenen.
Doch kehren wir nochmals zurück zu Mauritz von Mettenwyl. Wenn jemand etwas Heiliges, etwas tief seelisch Ergreifendes an irgendeinem Ort erlebt hat, so wird ihm auch dieser Ort heilig, und er spricht wohl mit Jakob dem Patriarchen: Hier ist das Haus Gottes, hier ist die Pforte des Himmels! So begab sich denn auch Mettenwyl am Pfingstmontag abends wieder an dieselbe Stätte. Es war auch während des Tages einiges Volk zur Kapellenruine gekommen. Am Abend aber waren nur wenige geblieben. Mitglieder der Familie begleiteten ihn; ganz sicher ist es, daß sein gleichnamiger Sohn Mauritz, der spätere Stadtschreiber, zugegen war. Mettenwyl dachte: Wenn der Himmel mir ein Zeichen gibt, muß ich es betend ehren, betend zu deuten versuchen. Und so treffen wir wieder auf dem Wesemlin einen betenden Mann. Nochmals! Wie schön ist ein betender Mann! Wie schön ist ein betender Vaterlandsfreund, ein betender vaterländischer Religionsfreund, ein Ringender mit Gott, wie einst Jakob, der Patriarch! Auf einmal zeigten sich wieder aufsteigende leuchtende Nebel. Wieder bildete sich der sonnenähnliche Strahlenkranz. Wieder trat ihm, herrlicher noch als am Pfingstsonntag, das Bild der Gottesmutter entgegen, wie sie das Jesuskind auf dem rechten Arme trug. Unter ihren Füßen hatte sich ein gebogener Strahl gezeigt, ähnlich der Mondsichel. Zwei Engel aber krönten gleichsam feierlich Maria. Die Überlieferung meldet: diese Vision dauerte eine volle Viertelstunde. Die ganze Erscheinung leuchtete und glühte in lauterem Goldglanz. Sie glich der apokalyptischen Vision der Kirche und Marias: dem Weib mit der Sonne bekleidet, den Mond zu ihren Füßen (Apok. 12).
Jetzt war jeder Zweifel dahin. Jetzt sagte sich Mettenwyl: Die Übernatur hat eingegriffen, die göttliche Hand hat mir ein Zeichen gegeben: Maria, die großmächtige Fürbitterin – wird durch ihr göttliches Kind uns helfen! Morgenröte leuchtet! Ich erinnere nochmals an die urkundliche Bezeugung – auch beider Erscheinungen!
Wir kennen die Bedeutung des Wunders. Auch im Leben Jesu erblicken wir die Wunder. Wie die Alpen durch das Schweizerland ziehen und der Landschaft das Gepräge geben, so ziehen die Wunder durch das Leben Jesu: alpenhaft herrlich! Sie geben auch der geistigen Landschaft des Lebens und Wirkens Jesu ein eigenartiges Gepräge. Diese Wunder Jesu sind sichtbare, geschichtliche Tatsachen, die neben der Natur stehen. Die Wunder Jesu sind Tatsachen, die hoch über der Natur stehen, die unermeßlich die Naturgesetze überragen. Die Wunder Jesu wollen keinewegs die allgemeinen Naturgesetze aufheben, zerstören. Sie bereichern eher die Welt. Als Jesus auf dem See Genesareth plötzlich den wütenden Sturm mit seinem Befehl aus eigener Kraft stillte, vollzogen sich auf der ganzen übrigen Welt die Gesetze der Winde, die Gesetze des Wellenschlags nach dem gewohnten Verlauf der Natur. Aber Jesus hat ab und zu Wirkungen in die Welt gesetzt, die neben und hoch über der Natur stehen, als Gottesgesandter und aus eigener Kraft, als ewiger Gottessohn.
Diese Wunder Jesu sind mit dem Leben Jesu, diese Wunder sind mit der Lehre Jesu, mit der ganzen Offenbarung Jesu, mit dem ganzen Werke Jesu innigst geeint, wie die Alpen mit unserer Landschaft, wie die Nerven mit dem Gehirn, wie die Adern mit dem Herzen. Alles gestaltet sich zu einem unvergleichlichen Ganzen aus. Und wiederum vereinigen sich diese Wunder Jesu aus eigener Kraft mit jenen gewaltigen Worten und Selbstzeugnissen Jesu: „Ich bin die Wahrheit – Ich bin das Leben – Ich bin der Weg – Ehe denn Abraham ward, bin ich – Ich und der Vater sind eins" (Joh. 14,6; 8,58; 10,30). Noch einen Zug dürfen wir an den Wundern Jesu nicht übersehen: alle Wunder Jesu leuchten in einer reinen, heiligen Absichtswelt wie die Firnen im Morgenlicht und im Alpenglühen. Nie hat Jesus Wunder gewirkt nur für die Neugierde, wie für die Schaulust oder bloß zur irdischen Freude. Alle Wunder Jesu sind gewirkt zu einem heiligen, religiösen Zweck, in der Glaubensschule, zu sittlichen Zwecken oder im Lichte rettender irdischer und überidischer Barmherzigkeit. Nun aber hat Jesus verheißen, daß auch im Laufe der Kirchengeschichte, in der Geschichte seines Reiches, Wunder hervorbrechen werden. Etwas Ähnliches wie die Wunder sind auch die Visionen, besonders die äußeren, wenn sie sicher und fest beglaubigt sind. Auch diese können uns verkünden: Gott hat gesprochen – Gott hat ein Zeichen gegeben – Gott will helfen! Gewiß stellt die Kiche solche Visionen, wie die Erscheinung vor Mettenwyl, nicht als Glaubensatz, nicht als Dogma hin. Aber ein anderer Gedanke klopft an: Wenn Gott ein greifbares Zeichen seiner Vorsehung gibt und wenn nüchterne Männer, die das Geschehnis und Geheimnis erlebt haben, es anerkennen und bezeugen, so wäre es töricht, ja es wäre vermessen, dies im vorneherein einfach abzulehnen. Ich betone nochmals den großen Unterschied zwischen den das Höchste des Evangeliums und des Lebens Jesu tragenden Wundern und einzelnen Visionen im Laufe der Jahrhunderte. Aber eine Ablehnug im vorneherein, ein grundsätzliches Ablehnen solcher Offenbarungen könnte sich doch zum Fehler, ja zur Sünde gegenüber der Tugend der Religiosität ausgestalten, eine gewisse Verwegenheit Gott gegenüber in sich bergen, auch wenn es sich nicht um Glaubenssätze, nicht um Glaubenstatsachen handelt. Es herrscht also große Freiheit auf diesem Gebiete. Aber sie muß sich mit edler Besonnenheit verbinden. Wer freilich die Möglichkeit von Wundern im Laufe der Kirchengeschichte bestreiten würde, verstieße gegen ein unfehlbares Wort Jesu selbst.
Und nun möchte ich euch einladen, das Geschehnis und Geheimnis von Pfingsten 1531 im Lichte höherer göttlicher Absichtswelt zu betrachten. In all dem Wunderbaren begegnet sich ein dreifaches Göttliches: Allmacht – Weisheit – und Liebe. Nun können wir auch den heiligen Zweck und die heilige Absicht des Geschehnisses vom Wesemlin an dem Pfingstabend 1531 einigermaßen erfassen. Auf der einen Seite: gewaltige Gefahren für den Glauben, gewaltige Gefahren für den Mariendienst, gewaltige Gefahren für das Ganze der katholischen Religion, für den unzerreißbaren Zusammenhang: Gott – Christus – Kirche, gewaltige Gefahren für das engere Vaterland; auf der andern Seite: Führer und Volk, die alpenhaft fest zu diesem Glauben stehen wollen, die ihren Innenbesitz nicht preisgeben.
Doch mitten in diese Gesinnungen und Stimmungen: drohende Gewalt – Aushungerung des Volkes – Not und Elend – und das Menschliche eines gebrochenen Volkes!
Das alles war dem betenden Mauritz von Mettenwyl tief bewußt.
Fügt sich nun hier nicht überwältigend schön und fruchtbar ein Gotteszeichen, wie oft in der heiligen Geschichte?
Hat es Mettenwyl nicht richtig gedeutet?
Maria leuchtet uns zum Siege, sie, die Morgenröte, der Morgenstern!
Nicht die Ruine der alten Kapelle ist Sinnbild der Zukunft.
Maria von den Engeln gekrönt ist das Zeichen am Himmel! Durch Maria zu Jesus! Sie hilft durch ihr göttliches Kind. Schlimmste, schwere Fragen werden gelöst werden. Das Volk wird feststehen im heiligen katholischen Glauben: conformati crescentes, fructificantes in omni patientia, gekräftigt durch die Macht Gottes, wachsend, fruchtbringend in aller Geduld – wie es der Apostel kündet (Kol. 1,9– 14). Und da der Sturm sich besonders auch gegen Maria und den Mariendienst wandte und der Bildersturm schon ihr kleines Heiligtum bereits verwüstet hatte, gewinnt ihr Erscheinen pragmatische Bedeutung. Sie ward am Pfingsttag nach der düsteren Kunde der Pfingstvigil – Abendstern. Sie ward Morgenröte, Morgenstern. Die Vision vom Wesemlin ist nicht Neugierdestück, das Geschehnis auf dem Wesemlin ist nicht eine unsichere Legende, das Geschehnis über der zerstörten Kapelle ist kein frommes Spiel erregter Einbildungskraft. Es ist ein Geschehnis und Geheimnis, das die Kennzeichen der Allmacht, Weisheit und Liebe Gottes in sich birgt. Dazu tritt die schon betrachtete irdisch-geschichtliche Bezeugung.
Nun war es auch Pflicht von Mettenwyl: das Werk Gottes allseitig zu offenbaren (Buch Tobias 12,7).
Doch tritt uns dabei ein Umstand entgegen, der für die Beurteilung des ganzen geschichtlichen Zeugnisses geradezu kostbar ist.
Am dritten Abend, am Pfingstdienstag, strömte eine gewaltige Volksmenge auf dem Wesemlin zusammen. Man betete und wachte und wartete bis in die Nacht hinein. Aber nicht die leiseste Spur einer Erscheinung zeigte sich. Niemand behauptete auch, irgend etwas Bedeutsames erlebt zu haben. So berichten auch urkundliche Überlieferungen. Spricht nicht ebendiese Nüchternheit der Berichte für deren Zuverlässigkeit auch hinsichtlich des Übernatürlichen? Und was noch mehr ist – für göttliches Walten und Wirken? Hat Gott seine Werkzeuge, die Träger seiner Pläne einmal gewählt, so läßt er alles gerne durch sie unter seinem Walten den Zielen entgegenführen. Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Gepränge unter der Schaulust der Menge (Lk. 17,20.21). Gewiß waren viele aus reinster Absicht zur heiligen Stätte geeilt. Aber schon Stadtschreiber Renward Cysat sieht in der Möglichkeit sich einmischender Schaulust und Neugierde einen Grund für das Ausbleiben der Offenbarung. Das ist echt biblisch gedacht. Was spricht der Herr beim Propheten Isaias? „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege, sondern so hoch der Himmel über der Erde, so hoch sind meine Gedanken über euren Gedanken und meine Wege über euren Wegen" (Is. 55,8.9).
Ja, die Wege Gottes leuchteten aus den Erscheinungen vor Mauritz von Mettenwyl. Nicht wahr? Marias Erscheinung und Gruß war der leuchtende Abendstern, als die hohen Pfingsstage in das Dunkel der Nacht und der Zeit versanken. Aber dieser Abendstern sollte als Morgenstern einer neuen Zeit aufgehen. Den Gemütern der Führer und des Volkes war das Geschehnis und Geheimnis von Pfingsten 1531 Morgenröte des Hoffens, Betens und Wirkens.
Wir haben die Vorstufe des Geschehnisses betrachtet. Wir haben das Geschehnis und Geheimnis zu erfassen gesucht. Es ist in den Teppich der göttlichen Vorsehung eingewoben!
Suchen wir nun die Ausstrahlung des Geschehnisses zu erfassen. Die erste nächste Ausstrahlung war die feste Überzeugung Luzerns: Maria schützt uns. Ave Maris stella, Dei Mater alma – Ave, Stern der Meere, Gottesmutter hehre! Das Meer geht hoch. Maria Helferin der Christen: du wirst uns schirmen!
Die zweite Ausstrahlung ist eine Geschichtsentwicklung. Wir müssen dabei alles wieder im Lichte der damaligen Zeiten betrachten. Es wurde Oktober. Der Winter nahte. Die Vorräte waren versiegt. Da sagten sich die Führer Luzerns und der Urkantone: Wir müssen das Volk retten. Wer das Seinige tut, dem hilft Gott. Sie versuchten Verhandlungen. Sie scheiterten. Da riefen sie zum Gebete auf. Und es ist rührend zu lesen, wie nicht nur die Priester, sondern auch die Laien beharrlich beteten, wie das Volk sich große Gebetslasten auferlegte. Aus allen Gegenden des Landes sandte man ehrwürdige fromme Witwen nach Einsiedeln, damit sie in der Gnadenkapelle abwechselnd ein Dauergebet entfalteten, tagelang, bis die Dinge sich zum Bessern wenden würden. Dann beschlossen die Männer der Ur- und Altschweiz den zweiten Kappelerkrieg. – Wir wissen, daß wir in der Schweiz vor allem berufen sind, für den Völkerfrieden zu arbeiten. Doch sollen wir auch die Dinge und Verhältnisse der Vergangenheit von 1531 aus den damaligen Zuständen heraus beurteilen lernen. Sie lagen so: Höchste Hungersnotgefahr, höchste Glaubensgefahr; Scheitern aller Friedensverhandlungen; fester Wille, der neuen Lehre keine Gasse zu öffnen! Man wollte aber auch nicht ohne Notwendigkeit erst einem durch Hunger und Elend gebrochenen Volke höchstes religiöses Heldentum zumuten. Bruderkrieg ist herzzerreißend. Aber die Gegner wollten den Frieden nicht. Und nur um Schlimmstes abzuwenden, um Höchstes zu erringen, griff man aus Notwehr zu den Waffen.
Die Katholiken siegten bei Kappel und am Gubel am 11. Oktober 1531 und in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober unter eigenartigen Umständen. Es ward Friede geschlossen – zur vollen Freiheit des katholischen Glaubens in Luzern und in der Ur- und Altschweiz und zur teilweisen in den Vogteien. Unter Katholiken und Gegnern wollte man im Volke die Friedenstaube über den Abteilungen des katholischen Heeres schweben gesehen haben. Sei dem, wie ihm wolle. Eines ist sicher: die aufgehende Morgenröte Marias hat den katholischen Glauben geschützt.
Und eine dritte Ausstrahlung! Mettenwyl sagte sich wie einst Jakob, der Patriarch: Wo ein heiliger Ort ist, gleichsam eine geöffnete Pforte des Himmels, wo ein Geschehnis und Geheimnis sich vollzog, das heilige Rettung brachte, da muß Gott und der Lieben Frau vom Wesemlin und für das Volk ein Denkmal errichet werden, ein – Gebetsort. Die Tat der Mutter Gottes darf nicht vergessen werden. Wie Jakob den Stein salbte, auf dem er sein Haupt gelegt und in der Nacht die Offenbarung empfangen hatte, so beschloß Mettenwyl, aus eigener Kraft und mit etwelcher Unterstützung der Regierung eine neue würdige Kapelle zu bauen. Es war das der Gedanke eines Lebenswerkes, eines Zukunftwerkes. Es sollte Luzern verkünden: Maria ist deine Freundin, Maria ist deine Beschützerin: deine Morgenröte, dein Morgenstern, deine Ehre, deine Freude. Es freut mich, in diese gewaltigen Volksscharen den Gedanken Mettenwyls hineintragen zu können.
So entstand auch die Wesemlin-Wallfahrt zur Gnadenstätte, nicht etwa zur späteren Waldkapelle.
Es leuchtet noch eine Ausstrahlung! Es kam eine neue Zeit. Die Päpste hatten unter ungeheuren Schwierigkeiten in den Jahren 1545 bis 1563 das herrliche Konzil von Trient berufen: die Kirchenversammlung entfaltete sich großartig und fruchtbar. Von da aus brach die volle Erneuerung des kirchlichen Lebens hervor. Aus diesem Geiste heraus erstanden ganze Reihen von Heiligen und Päpsten der Erneuerung, Scharen von führenden Männern. Es ging durch die folgenden Jahrzehnte gleichsam eine Säulenstraße großer Erneuerer, erhabener Führer und Heiliger: ein Karl Borromäus, der die Gesetze Christi und der Kiche im flammenden Pfingstgeiste durchführte, ein Franz von Sales, der, im Geiste der Sanftmut Christi, katholischen Sinn und echte Laienfrömmigkeit mitten im Weltleben erweckte und Ungezählte zum heiligen Glauben zurückgewann; ein Ignatius von Loyola, in dessen Geist und Organisation sich das Wort Jesu erfüllte: „Ich bin gekommen, Feuer zu bringen auf diese Erde, und was will ich anderes, als daß es brenne", und der sein ganzes Werk unter den Schutz Marias, des Morgensternes, stellte; ein heiliger Philipp Neri mit seinem vorbildlichen Wirken unter der Jugend, ein heiliger Petrus Canisius, der Kirchenlehrer der Volksmassen und zugleich der weise Gelehrte. Es mangelt mir die Zeit, sie alle aufzuzählen. Einer dieser großen Männer kam auch in unser Land, der heilige Karl Borromäus, zuletzt als päpstlicher Legat. Er war voll des Eifers; er reformierte den Klerus, er reichte den edlen Seelsorgspriestern die helfende Hand. Er erfaßte mit aller Kraft das Laienapostolat; er unterhandelte mit den Regierungen. Es war wahrhaft ein Schauspiel vor Gott, den Engeln und den Menschen. Es entfaltete sich ein wunderbares Zusammenwirken der Kirche, des Klerus, der Laien, der Kirchenhierarchie und der staatlichen Macht. So geschah es, daß durch dieses Zusammenwirken die Jesuiten nach Luzern kamen mit ihrer Seelsorge, mit ihren marianischen Kongregationen, ganz besonders mit ihren Schulen für die werdenden Gebildeten. Sie kamen im Zeichen Mariens. Wiederum auf Anregung von Karl Borromäus wanderten die ehrwürdigen Väter Kapuziner in unser Land ein, mit ihrer herrlichen und fruchtbaren Volksseelsorge, mit ihrem Chorgebet, mit ihrem Aushilfsdienst nach allen Seiten und ihrem sozialen Sinn.
Nun geschah wieder etwas Überraschendes.
Die Tat der Mettenwyls brach gleichsam in neuer Fruchtbarkeit hervor. Wie seinerzeit der hervorragende Mauritz von Mettenwyl das Werkzeug Gottes wurde, so erstand jetzt aus der berühmten Familie der Pfyffer ein werktätiger Freund der Erneuerung katholischen Lebens: Junker Kaspar Pfyffer. Schier ungeheure Schwierigkeiten stellten sich seinen Plänen gegenüber. Pfyffer hegte den Gedanken: Das Heiligtum auf dem Wesemlin muß als Gnadenquelle behütet und fruchtbar neu für alle Zeit entfaltet werden. Es soll den Kapuzinern übergeben werden. Eine Kirche, ein lebendig wirkendes Kloster soll an der heiligen Stätte entstehen. Ich will mit dem Aufwand aller Kraft Stifter dieses Heiligtums werden – im Gottvertrauen! Wir dürfen nicht vergessen: als Mettenwyl die schöne Kapelle erbaut hatte, war das Wesemlin bereits ein viel besuchter Wallfahrtsort geworden, lange bevor die Kapuziner sich dort niederließen. Nach vielen Schwierigkeiten und Gegenströmungen entschied endlich der Rat in Sinn und Geist Kaspar Pfyffers: daß sich die Kapuziner auf dem Wesemlin niederlassen sollen. Die Ordensobern und Konvente der Kapuziner stimmten freudig zu. Wiederum war Maria der Morgenstern, die aufgehende Morgenröte. Nachdem der Grundstein und Eckstein gelegt waren, die Kirche und das Kloster gebaut, die Kirchweihe am 23. Oktober 1588 vollzogen war, fand der Einzug auf Ostern 1589 statt. Nun entfaltete sich der Orden an heiliger Stätte.
Ist das Zufall? Es ist nicht Zufall, es ist Fügung. Ist es nicht eigenartig, daß Kaspar Pfyffer, seine helfenden Freunde und die Regierung sich sagten: Dort, wo Maria als Freundin Luzerns sich offenbarte und wirkte, soll ein lebendiges Heiligtum werden von einem fortlebenden Orden behütet.
So wurde das Wesemlin ein Gebetsort. Auch das Chorgebet der Mönche und Stifte ist eine Weltmacht, und wir werden einst in der jenseitigen Welt erfahren, was das Chorgebet der Mönche und Stifte und was das Breviergebet der Priester im Namen der Kirche in der Welt gewirkt hat.
Und es ist die Stätte auf dem Wesemlin eine Stätte der Muttergottesfreundschaft. Maria mit dem Kinde weist hin auf Jesus. Durch Maria zu Jesus. Was könnte diese heilige Stätte erzählen über neugewordene und neu bestärkte und im Stillen sich entfaltende Marienfreundschaft. Das Wort des Magnifikat erfüllt sich hier im heiligen Geheimnis: „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter" (Lk. 1,48).
Und das Heiligtum wurde bleibender Wallfahrtsort. Kranke, Arme, Betrübte, Sünder, Sünderinnen, Ringende, stille Beterinnen und Beter, heiligmäßige, hochstehende Menschen wanderten nach dem stillen Wallfahrtsort. Wir treffen unter den Wallfahrern nach dem Wesemlin den heiligen Laurentius von Brindisi, den auch in Luzern wundertätigen Markus von Aviano, den heiligen Bettler Benedikt Labre. In späteren Tagen sehen wir P. Anastasius Hartmann, den späteren heiligmäßigen Bischof, nach dem Wesemlin wallfahren. Wir begegnen auf dem Wesemlin dem berühmten sozial wirkenden P. Theodosius Florentini. Wir begegnen ebendort noch früher dem theologischen Luzerner Dreigestirn: Widmer, Geiger und Gügler. Wir sehen bei gewissen Anlässen und im Stillen Bischöfe und Kardinäle hinaufziehen. Das Wesemlin ist nicht eine berühmte Wallfahrtsstätte mit großen Wallfahrtszügen: es ist ein stiller, bescheidener Ort, wo man gerne allein betet, wo man intim ist mit der Gottesmutter und mit ihr stille zu Jesus geht. Das ist seine Eigenart. Wallfahrtsort mit gewaltigen Zügen der Wallfahrenden aus aller Welt haben ihre große und fruchtbare Bedeutung. Wie aber Gott in der Natur die Alpen geschaffen hat, aber auch stille Orte von eigenartiger Schönheit schuf, so hielt er es auch im Reich der Übernatur! Weil die Wesemlin-Kapuzinerkirche eine Wallfahrtskirche ist, erhielt sie auch reicheren Schmuck, als es sonst den Kirchen dieses Ordens entspricht. Später erlaubte Papst Klemens VIII. ausdrücklich 1594 die Pracht des Gotteshauses und schützte sie. In neuester Zeit wanderte auch das Gnadenbild vom Chorbogen in den herrlichen Hauptaltar zurück.

DAS GROSSE GEBET DER EIDGENOSSEN

In ihrer Not nahmen die Eidgenossen ihre Zuflucht zu Gott und seinen Heiligen. Nun lebte um das Jahr 1531 im Ranft bei Sachseln eine hochbetagte Klausnerin, Cäcilia Bergmann; eine gotterfüllte, erleuchtete Person, die den heiligen Bruder Klaus noch gekannt und von ihm Anweisungen zum Eremitenleben erhalten hatte. Um ihren Rat gefragt, riet sie den Innerschweizern, mit der Waffe ihr gutes Recht zu erfechten, die Mutter Gottes werde ihnen beistehen.
„Sie hat die fünf Orte ermahnt (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug), daß sie die Furcht Gottes für sich nehmen und treulich anrufen, denn er wolle erbeten sein. Darauf haben geordnet die fünf Orte in ihrem Land und Lager, daß ein jeder Mensch, sei er jung oder alt, so man am Morgen zum Gebete läutet, mit ausgespannten Armen solle sprechen fünf Paternoster und fünf Ave und den Glauben, desgleichen zu Mittag und Nacht, in der Messe zweimal und ebenso oft, wenn sie ratschlagen in der Gemeinde." Auch wurden Bittgänge und Wallfahrten in Bußkleidern und barfuß abgehalten und das sogenannte GROSSE GEBET angeordnet, das teils stehend, kniend, zur Erde geneigt, teils mit ausgebreiteten Armen oder gefalteten Händen zu verrichten war und stundenlang dauerte. Um des göttlichen Schutzes und der Fürbitte der seligsten Jungfrau umso sicherer zu sein, wurden achtzehn Witwen aus den allerfrömmsten erwählt und nach Einsiedeln geschickt, um in der dortigen Gnadenkapelle, je wechselweise zu sechsen, Tag und Nacht bis zum Friedensschluß zu beten.
Dieser Geist der Gläubigkeit und des Gottvertrauens klingt aus der Klageschrift und Kriegserklärung, welche die katholischen Eidgenossen am 9. Oktober 1531 auf ihrem Tag (ihrer Tagsatzung) zu Brunnen geschrieben und gen Zürich geschickt haben. Sie schließt mit dem Satze: „Nachdem wir aber ehrenhalb nicht mehr fürkommen können und mögen, sondern solches Gott, seiner würdigen Mutter und allem Heer im Himmel und allen frommen Herzen auf dem Erdreich klagen müssen, so haben wir auf unsern Eid erkannt, daß wir Ursache, Fug und Recht haben, uns mit der Hand und Tat zu Recht zu verhelfen."
Dieser Geist des betenden Gottvertrauens erfüllte auch die Bewaffneten. Als man am 11. Oktober 1531 nach heiliger Messe und Imbiß in Zug sich aufmachte und gen Kappel in den Kampf zog, redete jeder Hauptmann zu seinen Leuten, sie sollen, so uns Gott den Sieg geben werde, nicht zu begierig über die Feinde sein, angesichts dessen, daß sie zuvor uns Eidgenossen waren, und so Gott will, wieder werden mögen. Darum hieß man männiglich niederknien und mit ausgespannten Armen fünf Pater und Ave in das Leiden unseres Herrn beten.
Als dann bei dieser Schlacht zu Kappel Hans Jauch von Uri und Rudolf Haas von Luzern ihre dreihundert tüchtigen Schützen und vierhundert schlagfertigen Krieger zum entscheidenden Vorstoß in einem Gehölz aufgestellt hatten, ermahnten sie sie, bis zum Angriffsbefehl zu beten.

Das Grosse Gebet der Eidgenossen
Ein sehr empfehlenswertes Buch: 208 Seiten, kart., bebildert.Preis: SFr. 12.—
Das «Große Gebet der Eidgenossen» ist ein Gebetsschatz von seltener Kostbarkeit, neu entdeckt und übersetzt in die Sprache unserer Zeit; es ist das Palladium der Eidgenossenschaft. Es ist ein Zeugnis des Glaubens, ein Sturzbach des Gottvertrauens, ein Notschrei aus tödlicher Umklammerung, ein Bittruf in allen großen Anliegen der Christenheit, eine Danksagung für Gottes Bundestreue, ein Jubellied voll Freude und Heimweh nach Gott, dem Allmächtigen, dem Schöpfer Himmels und der Erde. Es ist eine Mischung von Meditation und Gebet; die großen Geheimnisse der Schöpfung und Erlösung werden im Herzen erwogen und finden ihren Niederschlag in Danksagung und Gebet. Der hl. Bruder Klaus war von diesem Gebet so angetan, daß er sich eigenhändig eine Abschrift anfertigte.

Donnerstag, Mai 18, 2006

Die Muttergotteserscheinungen in den Schlachten bei Kappel und auf dem Gubel - 2

DIE SCHLACHT AUF DEM GUBEL

Während das katholische Heer in den Tagen nach der Kappeler Schlacht nur aus Oberitalien und dem Wallis einigen Zuwachs erhielt, strömte ein solcher den Zürchern von allen Seiten, besonders von Bern her, zu.
Die Reformierten konnten somit, gestützt auf ihre Überzahl, ihre Heeresmacht nach Belieben teilen. So dachten sie, in erster Linie einen Nebenschlag auszuführen und kommandierten am 23. Oktober 8000 Mann gen Einsiedeln, um der dortigen Wallfahrt ein für alle Mal ein Ende zu setzen und das Vertrauen auf Mariens Fürbitte, der man katholischerseits den errungenen Sieg zuschrieb, zuschanden zu machen.
In zwei Abteilungen zu je 4000 zogen die hiefür Bestimmten den Zuger Bern hinan und lagerten, nachdem sie sich in den Häusern und Ställen die mehr als nötige Nahrung geholt, unweit der Gubelhöhe.
Die armen Bergbewohner, deren Frauen und Kinder schonungslos aus Hof und Heim vertrieben worden, erbaten sich Hilfe vom Tal. Vorläufig wurden bloß 1500 Mann hinaufgeschickt mit dem Befehl, die erregten Leute vor dem Lossschlagen zu warnen.
Da dieser Rat wenig Beifall erntete, taten sich 630 mutige Männer zusammen, wählten „Maria, Mutter Gottes" als Schlagwort, warfen weiße Hemden und Linnen über die Rüstung oder das Hirtenkleid und überfielen mitten in der Nacht das feindliche Lager. Erst fanden sie tapfern Widerstand, dann aber ergriff wiederum, wie bei Kappel, die Panik den Gegner, nur gestaltete sich hier die Flucht weit schwieriger als dort. Zu Dutzenden stürzten die der Gegend Unkundigen die Tobelwände hinunter und zerschellten. Auf dem Gubel allein lagen 830
Leichen, die an Ort und Stelle in drei Gräbern beigesetzt wurden.
Auch hier hatte Gott wunderbar geholfen. Ein heller Schein begleitete die tapfern Marienverehrer, und nicht wenige versicherten, ein Muttergottesbild, ähnlich dem von Einsiedeln, in diesem Lichtschimmer erblickt zu haben.

DER FRIEDENSSCHLUSS

Da wir diesen so beklagenswerten Krieg, der die Eidgenossenschaft in ihren Fundamenten bedrohte, nicht um seiner selbst willen, sondern nur wegen seiner Beziehungen zum Marienkult unserm Rahmen einfügen müssen, so übergehen wir die größern und kleinern Scharmützel die da und dort geliefert wurden, und wenden uns dem ersehnten Frieden zu.
Am 7. November war ein Trupp Katholiken bis nach Rüschlikon am Zürchersee vorgedrungen. Die Landschaft und die Stadt waren darob nicht wenig beunruhigt. Sie konnten sich der Überzeugung nicht länger erwehren, daß das Kriegsglück nicht auf ihrer Seite sei. Die Friedensstimmen mehrten sich und gewannen die Oberhand. Man erklärte sich bereit, den Katholiken, falls sie annehmbare Bedingungen stellen würden, die Bruderhand zu bieten.
Auch diesen war nichts erwünschter. Nur notgezwungen hatten sie ja zu den Waffen gegriffen. Am 16. November kamen die beidseitigen Abgeordneten in Deinikon bei Baar zusammen und unterhandelten unter freiem Himmel. Die Katholiken zeigten sich in ihren Forderungen äußerst mäßig und tolerant. Sie verlangten der Hauptsache nach nur, dam man jeden Bundesort bei seinem Glauben lasse, in den Untertanenländern keinen Zwang ausübe und etwelche Kriegsentschädigung entrichte.
„Da fragte", so lesen wir darüber, „Oberhauptmann Hans Ascher von Zürich, ob sie weiter nichts begehrten? Da ward vom Schultheiß Golder geantwortet: Nein. Da sprach Hans Ascher: So sei Gott gelobt, daß ich euch wieder unsre lieben Eidgenossen nennen soll. Er ging hinzu und sprach: Nun grüße euch Gott, getreue, liebe Eidgenossen, bot jedem die Hand, und je einer dem andern, und liefen ihnen allen die Augen über, und ward also dieser Frieden gemacht ohne alle Unterhandlung der Schiedsrichter durch die Parteien selbst auf offnem Feld."
Wie schön reimt sich mit diesem echt eidgenössischen Friedensschluß die Äußerung des großen Schaffhausers Johann von Müller insachen der Schweizer Binnenkriege: „Der Grundsatz unserer Eidgenossenschaft ist von einer so einleuchtenden, besiegenden Klarheit; so offenbar beruhet unser aller Ehre, Glück, Dasein auf unsrer Verbindung, unser Volk ist noch so vaterländisch bieder, daß zwar nach Familienart, Brüder auf Brüder wohl gezürnt, aber nie der großen Tage vergessen, wo wir allesamt, gemeine Eidgenossen von Städten und Ländern, für den Bund, unsern Vater, für die Freiheit, unsre Mutter, in einem Sinn sieghaft und glorwürdig
zusammen gestanden."
Am 24. November wurde auch mit Bern Frieden geschlossen, und bald darauf die Verbrüderung und Ruhe in der ganzen Schweiz wieder aufgerichtet.
Küssenbergs Chronik schließt den Kriegsbericht mit den Worten: „Und ward wieder Friede und Einigkeit im ganzen Land. Gott sei ewig Lob und Dank gesagt."


DIE ERSCHEINUNG IN DERKAPPELERSCHLACHT

Obschon die Erscheinung auf dem Gubel mehrfach bezeugt wird, gehen wir doch nicht näher darauf ein, weil sie wie die dortige Schlacht selbst unmittelbaren Bezug auf die Nationalwallfahrtstätte in Einsiedeln hat und in deren Geschichte gehört.
Kehren wir also zu derjenigen zurück, die vor und in der Kappelerschlacht gesehen worden. Cysat meldet darüber in seiner Wesemlin Historie:
„Nun merk wohl auf, es ist kein Spott. Das wirket Gott. Es traf sein'n Glauben, Ehr' und Pott (Gebot)... Drum steht er bei den Alten, die seinen Glauben b'halten... Man sah mit Trost und Gottes Lob ob der fünf Orten Bannern am Himmel hoch dort schwoben ob.
Nämlich Mariä Bild so trat, wie man es hat wohl auf Wesemlins Platz und Statt vor etlich Wochen g'sehen, das brach auch in dem Feld voran, auf Lagers Plan. Den alten Christen lag daran, zum Trost ist's ihnen b'schehen, des tut man Lob bejehen (sagen)."
Diese Erscheinung glich vermutlich der am Pfingstsonntag, welche dem Spitalmeister von Mettenwyl allein zuteil geworden. Darum sieht man ihn auf dem Schauenseer Gemälde in Waffenrüstung und von Waffen umgeben, und darum pflegte man später kurzweg zu sagen, die Mutter Gottes sei ihm vor der Kappelerschlacht auf dem Wesemlin erschienen.
Cysat deutet an, daß sich das wunderbare Bild sowohl über dem Lager gezeigt, wie auch den Streitern vorangezogen. Für beides haben wir zahlreiche Belege. Jenes beteuert uns z.B. das anno 1533 verfaßte Kappelerlied:„Als man hernach gesehen hat die fünf Ort' waren in ihrem Bet (Gebet) zu Baar wohl in dem Boden, gesah man ein weiß' Frauenbild schweben ob den fünf Bannern oben."
Daß es dem Heere voranschwebte, besingt der damalige Gerichtsschreiber Salat in seinem Schlachtlied:
„Die Bildnis der Hochgebenedeiten Maid, die bei dir wohnet, hohe Dreifaltigkeit, im Bann mit ihnen ist g'flogen."
Noch wertvoller ist die Aussage jenes Priesters, der im katholischen Lager weilte und nach den Siegen den verbündeten Rottweilern, die, 200 Mann stark, mit ihrem Fähnlein zu Walzhut lagerten, die frohe Kunde überbringen mußte. Die für uns wichtigste Stelle daraus ist diese:
„Ist nicht lang gestanden, haben sie (die fünf Ortei bei Kappel) ihr (der Zürcher) Ordnung zertrennt und untröstlich dareingeschlagen, nicht ohne Wunderzeichen, wann sie oben haben gesehen schweben, sie nicht allein, auch aus ihrem Widerpart Weib und Mann, die Bildnis der Mutter Gottes und eine weiße Taube darob.
„Also mit der Hilfe Gottes haben die fünf Orte ihre Feinde in die Flucht geschlagen."
Dieser schriftlich abgefaßte Bericht wurde unverzüglich der Stadt Rottweil zugeschickt, und diese übermittelte ihn am 31. Oktober nebst einem Begleitschreiben dem Obervogt zu Balingen, Hug Werner von Ehingen. Von da ging er noch am gleichen Tage an den württembergischen Statthalter und Regenten über, wie ein zweiter Mitbrief beweist.
Die drei Originaldokumente hat mir seinerzeit der Direktor des kgl. Württ. Geh. Haus- und Staatsarchives zum Kopieren und eventuellen Photographieren in zuvorkommender Weise zur Verfügung gestellt.
Das Antwortschreiben der Stadt Rottweil an die katholischen Eidgenossen, datiert vom Mittwoch nach Mariä Opferung, liegt im Luzerner Staatsarchiv. Es heißt unter anderm darin: „Den Allmächtigen wir emsig flehen und bitten, da er euch gegen eure Widerwärtigkeiten durch die Fürbitte seiner würdigen Mutter und aller Auserwählten zur Handhabung eures christlichen Vorhabens – wie bisher wunderbarlich beschehen – durch seine göttliche Hilfe, wie wir denn zu siner göttlichen Gnade ganzen Glauben, Zuversicht und Vertrauen haben, behilflich sein werde."
Auffälliger Weise hat Strickler in seiner Aktensammlung die Stelle „wie bisher wunderbarlich beschehen" ausgelassen. Und doch bilden gerade diese paar Worte einen Schwerpunkt des Briefes.
Eine Ergänzung zum oben zitierten Bericht über die Erscheinung der seligsten Jungfrau und der weißen Taube enthalten die Annalen des 1553 verstorbenen Augustiner Priors Kilian Leib. Es heißt darin:
„Einige Zürcher behaupteten, über dem Schwyzer Banner wiederholt eine weiße Taube schweben gesehen zu haben, und daß sie vor dem katholischen Heer eine Frauengestalt erblickt, versicherten andere feindliche Gefangene."
Daß nicht alle die Erscheinung beobachtet, und daß sie nicht von allen gleich vollkommen beobachtet worden, muß uns nicht wundern. Wir haben uns hierüber bereits anläßlich derjenigen auf dem Wesemlin ausgesprochen und wollen drum nur noch zwei Analogien aus der heiligen Schrift streifen. Als wenige Tage vor Jesu Leiden die Stimme des Vaters erscholl, daß er seinen Sohn verherrlichen werde, meinten einige, es habe bloß gedonnert. Und als Saulus vor Damaskus den Heiland sah und seine Mahnung deutlich hörte, bemerkten seine
Begleiter bloß ein wunderbares Licht und ein Geräusch.
Die weiße Taube muß auch außer der Schlacht erschienen sein. So notiert der reformierte Bonifazius Ammerbach am 29. Oktober 1531 in seinem Tagebuch:
„Item, es ist einem Rat von Basel geschrieben, soll auch von menglich (manchen) gesehen worden sein. Als die von Schwyz mit ihrem Banner ausgezogen und gekommen durch die Kirchgasse, ist eine weiße Taube auf dem Banner gesessen etc."
Und schon zehn Tage zuvor hatten die beiden Reformierten, Vinzenz von Werd und Hans Meyer an Bern geschrieben, daß bei Bremgarten die Berner und Entlibucher Wachen auf einander gestoßen, und daß letztre gesagt, „ihre Partei (die Katholiken) haben in allem Glück, denn über ihrem Volke habe man eine weiße Taube gesehen." „Dergleichen Reden (würden) jene viel gebrauchen und die Berner damit unwillig machen."
Fassen wir das Gesagte kurz zusammen. Die Erscheinung Unserer lieben Frau in der Kappeler Schlacht erinnert an die auf dem Wesemlin, und die weiße Taube, die ihr obschwebte und sich auch sonst noch zeigte, riefen die Pfingsttage zurück. Auf dem Wesemlin hat Maria, die Braut des Heiligen Geistes, den für den Glauben Kämpfenden ihren Beistand verheißen, und in der Kappeler Schlacht hat sie ihn gewährt.

DIE WEISSE TAUBE

Weiße Taube, Bild der Liebe, das der heil'ge Geist erkor,
schwebst im blut'gen Schlachtgetriebe dem geweihten Banner vor.
Kündest allen, Friedensbote, daß kein Stahl, der flammt und klirrt,
daß die Liebe nur die tote Eintracht auferwecken wird.
Wählst den Hügelfels, den starken, dir und deiner Braut zum Haus,
breitest über Stadt und Marken deiner Liebe Fittich aus.
Uns beschirmend und erlabend, du allzeit treue Wacht,
bis wir, naht der Feierabend, sprechen: Herr, es ist vollbracht.
Wie die Taube, die zur Kunde Noe ausgesandt, so zeig
uns in jener letzten Stunde den ersehnten Friedenszweig!


Erstmals erschienen in "DAS ZEICHEN MARIENS", Oktober 1992, 26. Jahrgang, Nr. 6, Seiten 8218-8222)

Die Muttergotteserscheinungen in den Schlachten bei Kappel und auf dem Gubel

Zum Bild: Einsiedler Madonna, Deckengemälde auf Holz im Refektorium der Abtei, von Joh. Brandenberg aus Zug (1711/12)

Ein sehr interessantes Dokument im Zusammenhang mit unserem Bericht über die Muttergottes-Erscheinungen auf dem Wesemlin bei Luzern:

DIE SCHLACHT BEI KAPPEL

Den Zürchern waren die Zurüstungen der fünf Orte nicht entgangen. Sie hatten ab und zu Spione ausgeschickt und blieben so stets auf dem Laufenden. Lange wollten sie zwar nicht glauben, daß es ernst gelte. Denn wie sollte ein an Zahl so beschränktes Heer es wagen, sich mit ihnen und ihren Verbündeten zu messen?
Gleichwohl sahen sie sich auf alle Fälle vor. Einen Hauptwert legten sie auf gute Geschütze und Munition, zu deren Herstellung ihnen der Hesser Landgraf seinen besten „Artilleriekünster", den Büchsenmacher Afterkamm, hergesandt.
Die allarmierenden Nachrichten mehrten sich. Am 8. Oktober kam ihnen gar die Botschaft, die Luzerner hätten schon die Banner in die Brunnen gesteckt und zögen in die freien Ämter.
Eilboten mußten die Kunde in die verbündeten Burgerstädte bringen und rasche Hilfe fordern.
Ratsversammlungen wurden abgehalten und der Entschluß gefaßt, einen Heertrupp nach Kappel zu werfen, die kommenden Dinge abzuwarten und, stellten sich dort die Katholiken nicht, nach Zug und auf Luzern zu marschieren, waren doch beiderorts nur wenige Männer mehr in der Stadt.
Die Innerschweizer erhielten Wink davon, schwenkten von Hitzkirch ab und Zug zu. Hier wurde am folgenden Morgen, 11. Oktober, die heilige Messe angehört und der Imbiß genommen. Dann sammelte man sich auf der Zuger Allmende, die Hauptleute musterten die Mannen, und alle schmückten sich mit einem Tannenreis als Erkennungszeichen. „Auch redete ein jeglicher Hauptmann", erzählt Schultheiß Golder von Luzern, der selber einer war, „mit seinen Knechten (/Streitern), sie sollen, so uns Gott der Allmächige den Sieg werde geben, nicht zu begierig über die Feinde sein, angesichts dessen, daß sie zuvor auch unsere Eidgenossen waren und, so Gott will, wieder werden mögen. Darnach hieß man männiglich niederknieen und mit ausgespannten Armen fünf Pater noster und Ave Maria in das Leiden unseres Herrn beten, daß er seine göttliche Hilfe bei uns lasse sein." —
Jetzt wird das Zeichen zum Aufbruch gegeben, und voraus sprengt ein berittener Trompeter, den Absagebrief den Zürchern zu überbringen. Sobald er zu den marschierenden Truppen zurückgekehrt, setzten diese auf Feindesgebiet über.
Die Reformierten, die zum Teil schon gestern in Kappel angekommen, hatten sich auf einem hochgelegnen Acker postiert und die Geschütze aufgepflanzt. Ihre Lage war günstig, nur daß der nahe Wald ihren Ausblick schmälerte. Sie hätten ihn deshalb gerne gelichtet, aber der Abt von Kappel, der einer von den ihrigen war und dem das umliegende Land zugehörte, versagte es ihnen, sie beruhigend, daß man von dort her nichts zu fürchten habe.
Die Katholiken aber stiegen gerade jenseits des Gehölzes an, und fielen, als sie die Harnische der Feinde durch die Baumwipfel glitzern sahen, nochmals auf die Kniee, um gemäß dem Brauch der Altvordern, die es beim Anblick des Gegners stets so gehalten, Gottes Beistand auf ein neues herabzuflehen.
Da knallten drei Schüsse von der Zürcherseite her. Zwei gingen fehl, und nur einer streifte leicht den Schenkel des Urner Ammans Troger. Dieser ruft ermunternd den Seinen zu: „Liebe Eidgenossen, ihr Geschütz wird uns heute wenig schaden."
Auch katholischerseits wurden einige Schüsse abgegeben. Aber es war da und dort nur ein nichtssagendes Geplänkel, indem die beiden Heere kaum für einen heutigen ernstlichen Angriff waren. Die Zürcher nicht, weil sie, obschon zur Stunde einige tausend Mann Verstärkung eingetroffen, doch den Hauptzuzug auf morgen erwarteten, und die Mehrzahl der katholischen Anführer nicht, weil bereits der größere Teil des Tages vorüber und es überdies Mittwoch, der heurige Wochentag des Festes der heiligen unschuldigen Kinder war, an dem man nur gezwungen zum Schwertstreich ausholen wollte.
Johannes Jauch von Uri hingegen, solcher Bedenken überdrüssig, sammelte mit Schützenfähndrich Rudolf Has von Luzern 300 tüchtige Schützen und 400 schlagfertige Knechte und stellte sie, nachdem er die feindliche Ordnung genau erspäht, im Gehölze auf, sie zugleich ermahnend, bis zum Angriffsbefehl zu beten.
Mit Schrecken bemerkten die Zürcher, daß sich gerade von dorther, wo sie es am wenigsten vermutet hatten, der Gegner nahe. Flugs begibt sich Büchsenhauptmann Peter Fügli zu Oberhauptmann Lavater, der just mit den Hauptleuten Göldlin und Töning, sowie mit Zwingli im Gespräche ist, und bittet ihn, unverzüglich eine andere Aufstellung der Mannschaft und Geschütze zu gestatten. Das würde Störung und den Knechten Anlaß zum Verlaufen geben, lautete die Antwort.
Es wäre tatsächlich zu spät gewesen. Denn schon prasselten die Kugeln daher, manch einen niederstreckend. Die Zürcher Knechte stürmen dem Walde zu, und aus demselben drängen jene vor, die Jauch und Has gesammelt. Ein Rufen und Schreien, ein Schlagen und Stechen bricht los, wie man es selten gehört und gesehen. Füglis Geschütze sind lahm gelegt. Nur nach den Baumästen können sie zielen, wollen sie nicht die eignen Leute zugleich mit den Feinden niedermähen.
Bald sind auch die übrigen Streitkräfte der fünf Banner auf dem Kampfplatz. Die Zürcher Wogen weichen und verwandeln sich plötzlich in eine jähe Flucht. Die Katholiken stürzten ihnen nach und verfolgten sie bis an den Horgerberg.
Dann kehrten sie auf die Walstatt zurück, beteten wieder auf den Knieen und mit ausgespannten Armen fünf Pater und Ave in das Leiden des Herrn, doch diesmal „um Lon und Dank zu sagen für seinen treuen Beistand, so er uns erzeigt".
Bis in die tiefe Nacht hinein besah man das Schlachtfeld und die Beute und brachte den Verwundeten die erste Hilfe.
Der Kampfplatz war mit Leichen bedeckt, und auch der Fluchtweg war reich an solchen. Alle gleichzeitigen katholischen Berichterstatter schätzten die Verluste des Gegners auf 1500 bis 1600 Mann. Besonders schwer ward Zürich selber heimgesucht. Denn unter den Gefallenen fanden sich viele seiner hervorragendsten Männer nebst ungefähr 400 sonstiger Bürger, und Zwingli, der Urheber all des Leides.
Aus den fünf Orten fielen blos 30 Mann. Die Zahl der Verwundeten war beträchtlicher, doch genasen fast alle wieder.
Der reformierte Hans von Hinwil schreibt in seinem Kriegsbericht: „So sollen von den fünf Orten so wenig Leute umgekommen sein, daß ich es nicht melden darf, bis ich es gewisser weiß, denn wenn es also, hat sie Gott wohl behütet".
Um 7 Uhr abends traf die Trauerkunde in Zürich ein. „Größere Angst und Not hat keiner, der da jetzt lebt in Zürich, je erlebt", meldet der Augenzeuge Werner Steiner. Selbst den Streitbaren, fügt Hinwil bei, war nach der Flucht der Mut so gesunken, daß, „jedermann wollte krank sein".
Was war wohl die Ursache der Panik, welche das Heer der Reformierten mitten im Gefecht überfiel, und die eine so übereilte Flucht zur Folge hatte?
War es die Niedergeschlagenheit der Gemüter, wovon Bullinger spricht? Und wenn ja, warum diese Niedergeschlagenheit? Zwingli hatte doch den sichern Sieg vorausverkündet.
Oder waren es Verräter, die zur Flucht anspornten, wie jener Springli von Fluntern, der, nach Vadian, ausgerufen haben soll: „Fliehet, fromme Zürcher, oder keiner von euch kommt davon!" Aber eine solche Stimme wäre doch von tapfern Mannen überhört worden.
Für uns Katholiken mag Renward Cysat eine Lösung geben, wenn er in seiner Wesemlin-Geschichte versichert, man habe über den fünf Bannern das Bild Mariae, wie es vor einigen Monaten auf dem Wesemlin erschienen, schweben sehen.
Wir wollen in einem spätern Kapitel ausführlicher darüber reden.

--> (Fortsetzung und Schluß)

Die Muttergotteserscheinung auf dem Wesemlin ob Luzern

von HH A.R.P. Pius Suter, O.F.M. Cap.

Die Zeit, da über dem Wesemlin (Luzern) ein Stern der Gnade aufging, war eine Zeit schwerer Not.
Es war die Zeit der Glaubensspaltung, der sogenannten Reformation. In der Kirche hatten sich nach und nach Mißstände gebildet. Es regierten Päpste, die mehr Interesse für Staatsgeschäfte und Kunst entfalteten als für kirchliche Dinge. Da die Bischöfe zugleich Landesherren waren, lebten manche ganz wie weltliche Fürsten und vernachlässigten darüber das Hirtenamt. In vielen Klöstern war die Ordensregel in Zerfall geraten. Ebenso vermißte man bei den Weltgeistlichen gar häufig Bildung und reinen Wandel. Massenhaft drängten sich in den geistlichen Stand Leute ohne Beruf, bloß des sicheren Auskommens wegen.
Wohl fehlte es nicht an musterhaften Priestern und verschiedene geistliche Obern gaben sich Mühe, den religiösen Geist in ihrem Sprengel zu erneuern.
Daneben erhoben sich aber Männer, welche nicht nur gegen die Mißbräuche in der Kirche auftraten, sondern die Kirche und ihre Lehre selbst bekämpften und dadurch den katholischen Glauben in weiten Kreisen erschütterten.
Der Führer dieser Bewegung war in der Schweiz Ulrich Zwingli. Früher Pfarrer in Glarus, später Leutpriester in Einsiedeln, wurde er Ende 1518 als Leutpriester ans Großmünster in Zürich gewählt. Dieser Mann erregte in Zürich bald Aufsehen, gewann großen Einfluß und entfernte sich immer mehr von der katholischen Kirche. Zwingli fand begeisterte Freunde namentlich im Rat und unter der Geistlichkeit. Mehr und mehr ließ sich auch das Volk auf der Landschaft für die Ideen Zwinglis gewinnen; in den Jahren 1524 und 1525 wurde die sog. Reformation auf dem ganzen Gebiete Zürichs durchgeführt: Die Heiligenfeste wurden abgeschafft, Prozessionen und Wallfahrten verboten, die Bilder aus den Kirchen herausgerissen, zertrümmert und verbrannt, goldene und silberne Kirchengeräte eingeschmolzen, manch schönes Kunstwerk vernichtet.
1527 fiel auch Bern vom katholischen Glauben ab und brachte auch die Landschaft, zum Teil mit Gewalt, zur Trennung von der Kirche. Auch in St. Gallen, in den äußern Rhoden von Appenzell, in Toggenburg, Glarus und Basel und Graubünden ging der Abfall vom katholischen Glauben rasch voran.
Wahrhaftig eine trübe Zeit! Eine Zeit schwersten Kummers für jeden, der mit ganzem Herzen an der heiligen Kirche, am Glauben der Väter hing.
Eine trübe, notvolle Zeit, welche Spaltung in die Eidgenossenschaft hineintrug, welche die großen, reichen und stolzen Kantone des Mittellandes und die kleinern, ärmern Kantone der Urschweiz in zwei feindliche Heerlager trennte und das düstere Zukunftsbild des Bürger- und Bruderkrieges erscheinen ließ.
Die reformierten Parteiführer, vorab Zwingli und der Basler Ökolampad, drängten zum Kriege, um die katholisch gebliebenen Kantone der Urschweiz, samt Luzern und Zug, mit Gewalt zur sog. Reformation zu zwingen.
Der besonneren Art der Berner war es zu danken, daß nicht alsogleich mit Feuerwaffen, mit Schwert und Hellebarde gegen die katholischen Kantone losgegangen wurde.
Trotzdem verdunkelte sich der Horizont immer mehr.
Es war zu Pfingsten 1531, am 18. Mai. Die Glocken der Hofkirche in Luzern wollten Festfreude verkünden. Aber in den Herzen der Luzerner widerhallten sie wie Trauergeläute. Wie zu einem Leichenbegängnis zog man zur Hofkirche von St. Leodegar hinauf. Warum diese Trauer? Just am Vorabend von Pfingten 1531 war von Zürich und Bern der harte Bescheid eingelaufen, daß die PROVIANTSPERRE unwiderruflich über die Innerschweiz verhängt sei. Dadurch wurde die Zufuhr von Mehl, von Salz und vielen andern zum Leben notwendigen Dingen versperrt, versagt und verlegt. Diese Maßregel war für Luzern, Zug und die Urschweiz ein harter Schlag. Konnte keine Verständigung getroffen werden, so stand für den kommenden Winter die Hungersnot vor der Türe, die entweder zur Preisgabe des katholischen Bekenntnisses oder zur Notwehr drängte. - Es war eine düstere Zeit!
Auch von UNSEREN TAGEN müssen wir sagen: eine düstere, notvolle Zeit. Man redet nicht umsonst vom drohenden Untergang des Abendlandes. Die Gottlosigkeit brüstet sich frech und ungestraft. Damtit verbunden ist der Niedergang der Sittlichkeit, die Auflösung des Familienlebens, die schreckliche Verlotterung der Ehe.
Dabei sind die Lebensverhältnisse vielfach unerträglich. Auf der einen Seite riesige Reichtümer, auf der andern Arbeitslosigkeit und Not.
Man denkt nicht ohne Bangen an die Möglichkeit gewalttätiger Umwälzungen, an die Möglichkeit kommender Kriege, welche die furchtbaren Weltkriege an Entsetzen und Greuel weit übertreffen werden.
Hier, wie einst für die bedrängten katholischen Eidgenossen, gilt das Wort: NOT LEHRT BETEN. - Da gilt das Wort des Heiligen Geistes: "Rufe zu mir am Tage der Trübsal, so will ich dich erreten" (Ps. 49, 15). Der Psalmist bestätigt: "Am Tage meiner Trübsal rufe ich zu Dir, denn Du erhörest mich" (Ps. 63, 2). Und Isaias: "Herr, in der Not sucht man Dich" (Is. 26, 16).
Hier gilt das rührende Beispiel Jesu. In seiner Todesanst am Ölberge fleht der Heiland inbrünstig zum himmlischen Vater.
Im Vaterunser lehrt der Herr uns beten: Erlöse uns von dem Bösen!

In ihrer Not nahmen die Eidgneossen ihre Zuflucht zu Gott und seinen Heiligen. So kann ich an zweiter Stelle berichten von kindlichem und betendem Gottvertrauen.
In schwieriger Lage, in Ratlosigkeit wendet man sich um Lehre und Weisung an gotterleuchtete Menschen. Nun lebte um das Jahr 1531 im Ranft bei Sachseln eine hochbetagte Klausnerin, CÄCILIA BERGMANN; eine gotterfüllte, erleuchtete Person, die den heiligen Bruder Klaus noch gekannt und von ihm Anweisungen zum Eremitenleben erhalten hatte. Um ihren Rat gefragt, riet sie den Innerschweizern, mit der Waffe ihr gutes Recht zu erfechten, die Mutter Gottes werde ihnen beistehen.
"Sie hat die fünf Orte ermahnt (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug), daß sie die Furcht Gottes für sich nehmen und treulich anrufen, denn er wolle erbeten sein. Darauf haben geordnet die fünf Orte in ihren Land und Lager, daß ein jeder Mensch, sei er jung oder alt, so man am Morgen zum Gebete läutet, mit ausgespannten Armen solle sprechen fünf Paternoster und fünf Ave und den Glauben, desgleichen zu Mittag und Nacht, in der Messe zweimal und eben so oft, wenn sie ratschlagen in der Gemeinde." Auch wurden Bittgänge und Wallfahrten in Bußkleidern und barfuß abgehalten und das sogenannte "GROSSE GEBET DER EIDGENOSSEN" (siehe Christiana-Verlag) angeordnet, das teils stehend, kniend, zur Erde geneigt, teils mit ausgebreiteten Armen oder gefalteten Händen zu verrichten war und stundenlang dauerte. Um des göttlichen Schutzes und der Fürbitte der seligsten Jungfrau umso sicherer zu sein, wurden achtzehn Witwen aus den allerfrömmsten erwählt und nach EINSIEDELN geschickt, um in der dortigen Gnadenkapelle, je wechselweise zu sechsen, Tag und Nacht bis zum Friedensschluß zu beten.
Dieser Geist der Gläubigkeit und des Gottvertrauens klingt aus der Klageschrift und Kriegserklärung, welche die katholischen Eidgneossen am 9. Oktober 1531 auf ihrem Tag zu Brunnen geschrieben und gen Zürich geschickt haben. Sie schließt mit dem Satze: "Nachdem wir aber ehrenhalb nicht mehr fürkommen können und mögen, sondern solches Gott, seiner würdigen Mutter und allem Heer im Himmel und allen frommen Herzen auf dem Erdreich klagen müssen, so haben wir auf unsern Eid erkannt, daß wir Ursache, Fug und Recht haben, uns mit der Hand und Tat zu Recht zu verhelfen."
Dieser Geist des betenden Gottvertrauens erfüllte auch die Bewaffneten. Als man am 11. Oktober 1531 nach heiliger Messe und Imbiß in Zug sich aufmachte und gen Kappel in den Kampf zog, redete jeder Hauptmann zu seinen Leuten, sie sollen, so uns Gott den Sieg geben werde, nicht zu begierig über die Feinde sein, angesichts dessen, daß sie zuvor uns Eidgnossen waren, und so Gott will, wieder werden mögen. Darum hieß man männiglich niederknien und mit ausgespannten Armen fünf Pater und Ave in das Leiden unseres Herrn beten.
Als dann bei dieser Schlacht zu Kappel Hans Jauch von Uri und Rudolf Haas von Luzern ihre dreihundert tüchtigen Schützen und vierhundert schlagfertigen Krieger zum entscheidenden Vorstoß in einem Gehölz aufgestellt hatten, ermahnten sie sie, bis zum Angriffsbefehl zu beten.
Dieser kindliche und schöne Geist des Glaubens und demütigen Gebetes findet sich verkörpert in einem Manne, dessen Name ich mit Freude und Ehrfurcht nenne. Es ist dies der edle Herr MAURITZ VON METTENWYL. Das Liber vitae, das Jahrzeitenbuch der Hofkirche, welches selbst bei hervorragenden Persöhnlichkeiten nur Name, Todestag und Stiftung ausgibt, vermerkt auf 19. April 1548 mit auffallend großen Buchstaben: "Es starb der hochangesehene Herr Mauritz von Mettenwyl, der unermüdliche Verwalter des Luzerner Stadtspitals."
Wie wir aus veschiedenen Berichten und Vermerkungen entnehmen können, war dieser edle Luzerner wie seine ganze Familie durch unwandelbare Treu zur Kirche und aufrichtige Frömmigkeit ausgezeichnet.
Durch das Gebet hat der Mensch selbst Sitz und Stimme im Rate des Dreieinigen Gottes, wo alle Weltanliegen zum Austrag kommen. Nichts gibt es, wofür er seine Stimme nicht einlegen kann. So macht der Mensch, der einfache, demütige Christ wirklich Weltgeschichte mit seinem Gebet. So war es immer. Die Geschicke des Christentums wurden nicht bloß entschieden auf den Schlachtfeldern der Milviusbrücke und auf den Marterstätten der Glaubensbekenner, sondern auch in den stillen, unterirdischen Kirchen, wo das Christenvolk betete, unter der Palme des Einsiedlers Paulus und in der Höhle eines Antonius. - Unabsehbar groß ist die Wirksamkeit des Gebetes und wir wissen gar nicht, was wir alles vermögen durch das Gebet.
Nun hat Jesus gesagt: "Bittet, und ihr werdet empfangen. Klopfet an, und es wird euch aufgetan werden." - Sollte nicht Gott seinen Auserwählten, wenn sie Tag und Nacht zu ihm rufen, zu ihrem Recht verhelfen? (Lk. 18, 1-8.) "Der Herr wird sehen auf das Gebet des Demütigen und wird sein Flehen nicht verschmähen" (Ps. 101, 18). "Nahe ist der Herr denen, die gebeugten Herzens sind, und den Geistgebeugten hilft er" (Ps. 33).
Was der Herr verheißt, hat sich an dieser Stätte erfüllt und bewahrt. Das demütige, vertrauensvolle Gebet der katholischen Eidgneossen war nicht umsonst.

In der Zeit großer Not hat Gott das kindliche Flehen mit einer himmlischen Gnade beantwortet.
Und zwar ist es nicht bloß unsichere Überlieferung, sondern wohlverbürgte, geschichtliche Tatsache, DASS DIE MUTTER GOTTES GLORREICH AUF DEM WESEMLIN ERSCHIENEN IST.
Diejenigen freilich, welche auf die absolute Unveränderlichkeit der Naturgesetze schwören, diejenigen, welche den Augenzeugen nicht glauben, wenn sie uns berichten, wie Jesus Aussätzige, Blindgeborene plötzlich gesund gemacht und Tote auferweckt hat, diejenigen, die in ihrer Überhebung dem allmächtigen und barmhezrigen Gott gleichsam die Hände binden wollen, wenn er dem vertrauenden Gebet bedrängter Menschen wunderbar entgegenkommt, die werden auch heute sich zweifelnd und ungläuig abwenden, wenn wir von einer sichtbaren Erscheinung der Mutter Gottes reden.
Wir aber, die wir unbefangen und vernünftig genug sind, dem zuverlässigen Zeugnisse der Geschichte uns zu beugen, auch wenn sie Verkommnisse uns berichtet, die unsere Begriffe übersteigen, wir glauben es freudig, wenn zuverlässige Menschen uns künden, daß allhier, in Zeiten der Trübsal, die Mutter Gottes glorreich und sichtbar erschienen ist.
Und zwar wählte sich Maria den Mauritz von Mettenwyl, dessen Herz für Gott und Heimat und die Armen in kräftiger Liebe schlug, zum Hauptzeugen ihrer Erscheinung.

Es war am Pfingssonntag 1531. Es war Abend geworden. Tiefer Friede breitete sich über die Matten auf dem Wesemlin. Mauritz von Mettenwyl, der damals im reifen Mannesalter stand, erging sich allein auf den Feldwegen in der Nähe seines Landgutes auf dem Wesemlin.
Da, wo jetzt der Hochaltar dieser Kirche steht, stand früher ein kleines Kapellchen mit einem Muttergottesbild. Als Fundament diente eine nackte Felsenplatte, die aus dem grünen Rasen hervortrat. Da kein Eigentümer dieser kleinen Wegkapelle bekannt war und für den Bau sorgte, begannen Regen und Wind das Zerstörungswerk. Schließlich folgten heimliche Anhänger der neuen Lehre dem Beispiel der reformierten Bilderstürmer, machten in stiller Nacht das zerfallende Heiligtum vollends zur Ruine und schlugen das Gnadenbild in Stücke.
An jenem Abend, da Mauritz von Mettnwyl an dieser Stelle einsam wandelte, lagen nur mehr die Trümmer der einstigen Wegkapelle herum. Mettenwyl war voll Kummer; er überdachte wohl die von heute an verhängte Proviantsperre und ihre Folgen. Er sah das Gerippe des Hungers und den unvermeidlichen Bruderkireg.
Flehend erhob der fromme Mann seinen Blick zum Himmel. Wars eine Täuschung, wars ein Traum, was er zu schauen begann? Hoch über der Felsenplatte, wo einst das Kapellchen gestanden, schwebt, vom Strahlenkranz umgeben, eine jungfräuliche Gestalt, die ein Kindlein auf dem Arme trägt. Mettenwyl wußte, daß er wachend sei. Alles Erdenweh vergessend kniet er nieder und faltet die Hände zum Gebet. Es war neun Uhr des Abends. -
Eine erste Erscheinung berechtigt keineswegs zum Schluß, daß ihr eine zweite folgen werde. Tatsächlich war aber die erste Erscheinung nur das Vorspiel einer zweiten, der sogenannten großen Erscheinung, die am Pfingstmontag etwa halb zehn Uhr abends erfolgte.
Es knieten an der geweihten Stätte einige Mitglieder der Familie von Mettenwyl, und einige wenige andere, welche betend bis halb zehn Uhr ausgeharrt hatten. - Da bildet sich ein nebliger Schein in der Luft; er wird größer und lichter, wird zu einem sonnenähnlichen Glorienscheine und aus diesem tritt das Bild der Hochgebenedeiten hervor mit dem göttlichen Kind auf dem rechten Arm und zu Füßen ein gebogener Strahl, welcher der Mondsichel gleicht. Die ganze Erscheinung leuchtete, glühte wie lauter Gold. Nur eines fehlte der Himmelskönigin, das Diadem. Da schweben ihr von oben zwei Engel zu und setzen ihr eine glitzernde Goldkrone auf das Haupt. Dann verglomm und veschwand die ganze Erscheinung. Sie hatte eine Viertelstunde lang die Augen und Herzen der frommen Beter in süßen, seligen Bann gehalten.
Ich kann es mir nicht versagen, euch das Wesentliche aus der wertvollen Urkunde zu geben, welche der Herr Mauritz von Mettenwyl, der Sohn des obgenannten Spitalherrn, höchst wahrscheinlich im Jahre 1566, in seiner Stellung als Stadtschreiber abgefaßt hat.

Im Namen Gott des Vaters des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Zu wissen (sei) und offenbar allen christgläubigen Menschen, daß eine lange uralte Zeit her auf diesem Platz und einem Stein oder Felsen ein kleines Käppelein mit trockener Mauer darauf gehauen, und darinnen ein Bild Unserer Lieben Frauen gestanden ist, derselben Bildnis etliche wenig geachtet, noch keine Ehre angetan, also daß solche Kapelle dachlos halb, auch durch Übermütige und Verschmähungspersonen unseres alten, wahren und unbezweifelten christlichen Glaubens zerschlagen und verachtet worden. Deshalb so ist auf selbigem Platz allhie am hl. Pfingsttag um die neunte Stunde nachmittags, als man zählte von der Geburt Jesu Christi tausend fünfhundert und dreißig Jahr und eins, an dem Himmel, klar, lauter und heiter, Unsere Liebe Frau, die würdige Mutter Gottes Maria, mit ihrem lieben Kindlein wahrhaftig gesehen worden. Und darnach morndrigs am Montag Nacht zwischen der neunten und zehnten Stunde ist sie abermals gesehen worden mit ihrem lb. Kindlein, auf dem rechten Arm sitzend, die Sonne hinter ihr, den Mond unter ihren Füßen, klar scheinend als wie Gold und dazu zwei Engel oben herab fliegend mit einer spitzigen Krone, ihr dieselbige aufgesetzt. Solches Gesicht hat gewahret eine Viertelstunde lang. Und darnach am dritten Tage, da kam herauf viel Volk erwartend und hoffend, solches an der dritten Nacht auch erscheinen sollte und sie es sehen möchten. Da ist ihnen nichts mehr erschienen.
Solche Gesicht im obgemeldeten Jahr und Tag habe ich Mauritz von Mettenwyl, derzeit Stadtschreiber zu Luzern, mit meinen sündlichen Augen auch wahrhaftig gesehen.

In den Pfingsttagen 1531, in diesen Tagen großer Bedrängnis, haben viele inbrünstig mit dem Gebet der Kirche, mit der frommen Pfingstsequenz gebetet: Veni Sancte Spiritus et emitte caelitus lucis tuae radium; Komm Heiliger Geist und sende vom Himmel her Deines Lichtes einen Strahl.
In jenen Tagen großer Not hat Gott das demütige Flehen der Bedrängten gnädig erhört; der Heilige Geist hat den ersehnten Pfingststrahl gesendet, hat an dieser weihevollen Stätte das holdselige Bild seine reinsten Braut, das Bild der seligsten Jungfrau mit dem Jesuskind glorreich erscheinen lassen.
Wir grüßen dich, Unsere Liebe Frau vom Wesemlin, mit dem heiligen Gebete: Ave Maria, gratia plena...
HH A.R.P. Pius Suter, O.M.Cap.

Erstemals erschienen in "DAS ZEICHEN MARIENS", Internationales katholisches Informationsorgan zur Wahrung und Förderung guter Tradition und echter Mystik", Monatsschrift, 9. Jahrgang, Nr. 9, Januar A.D. 1976, Seiten 2857-2859