DIE SCHLACHT AUF DEM GUBEL
Während das katholische Heer in den Tagen nach der Kappeler Schlacht nur aus Oberitalien und dem Wallis einigen Zuwachs erhielt, strömte ein solcher den Zürchern von allen Seiten, besonders von Bern her, zu.
Die Reformierten konnten somit, gestützt auf ihre Überzahl, ihre Heeresmacht nach Belieben teilen. So dachten sie, in erster Linie einen Nebenschlag auszuführen und kommandierten am 23. Oktober 8000 Mann gen Einsiedeln, um der dortigen Wallfahrt ein für alle Mal ein Ende zu setzen und das Vertrauen auf Mariens Fürbitte, der man katholischerseits den errungenen Sieg zuschrieb, zuschanden zu machen.
In zwei Abteilungen zu je 4000 zogen die hiefür Bestimmten den Zuger Bern hinan und lagerten, nachdem sie sich in den Häusern und Ställen die mehr als nötige Nahrung geholt, unweit der Gubelhöhe.
Die armen Bergbewohner, deren Frauen und Kinder schonungslos aus Hof und Heim vertrieben worden, erbaten sich Hilfe vom Tal. Vorläufig wurden bloß 1500 Mann hinaufgeschickt mit dem Befehl, die erregten Leute vor dem Lossschlagen zu warnen.
Da dieser Rat wenig Beifall erntete, taten sich 630 mutige Männer zusammen, wählten „Maria, Mutter Gottes" als Schlagwort, warfen weiße Hemden und Linnen über die Rüstung oder das Hirtenkleid und überfielen mitten in der Nacht das feindliche Lager. Erst fanden sie tapfern Widerstand, dann aber ergriff wiederum, wie bei Kappel, die Panik den Gegner, nur gestaltete sich hier die Flucht weit schwieriger als dort. Zu Dutzenden stürzten die der Gegend Unkundigen die Tobelwände hinunter und zerschellten. Auf dem Gubel allein lagen 830
Leichen, die an Ort und Stelle in drei Gräbern beigesetzt wurden.
Auch hier hatte Gott wunderbar geholfen. Ein heller Schein begleitete die tapfern Marienverehrer, und nicht wenige versicherten, ein Muttergottesbild, ähnlich dem von Einsiedeln, in diesem Lichtschimmer erblickt zu haben.
DER FRIEDENSSCHLUSS
Da wir diesen so beklagenswerten Krieg, der die Eidgenossenschaft in ihren Fundamenten bedrohte, nicht um seiner selbst willen, sondern nur wegen seiner Beziehungen zum Marienkult unserm Rahmen einfügen müssen, so übergehen wir die größern und kleinern Scharmützel die da und dort geliefert wurden, und wenden uns dem ersehnten Frieden zu.
Am 7. November war ein Trupp Katholiken bis nach Rüschlikon am Zürchersee vorgedrungen. Die Landschaft und die Stadt waren darob nicht wenig beunruhigt. Sie konnten sich der Überzeugung nicht länger erwehren, daß das Kriegsglück nicht auf ihrer Seite sei. Die Friedensstimmen mehrten sich und gewannen die Oberhand. Man erklärte sich bereit, den Katholiken, falls sie annehmbare Bedingungen stellen würden, die Bruderhand zu bieten.
Auch diesen war nichts erwünschter. Nur notgezwungen hatten sie ja zu den Waffen gegriffen. Am 16. November kamen die beidseitigen Abgeordneten in Deinikon bei Baar zusammen und unterhandelten unter freiem Himmel. Die Katholiken zeigten sich in ihren Forderungen äußerst mäßig und tolerant. Sie verlangten der Hauptsache nach nur, dam man jeden Bundesort bei seinem Glauben lasse, in den Untertanenländern keinen Zwang ausübe und etwelche Kriegsentschädigung entrichte.
„Da fragte", so lesen wir darüber, „Oberhauptmann Hans Ascher von Zürich, ob sie weiter nichts begehrten? Da ward vom Schultheiß Golder geantwortet: Nein. Da sprach Hans Ascher: So sei Gott gelobt, daß ich euch wieder unsre lieben Eidgenossen nennen soll. Er ging hinzu und sprach: Nun grüße euch Gott, getreue, liebe Eidgenossen, bot jedem die Hand, und je einer dem andern, und liefen ihnen allen die Augen über, und ward also dieser Frieden gemacht ohne alle Unterhandlung der Schiedsrichter durch die Parteien selbst auf offnem Feld."
Wie schön reimt sich mit diesem echt eidgenössischen Friedensschluß die Äußerung des großen Schaffhausers Johann von Müller insachen der Schweizer Binnenkriege: „Der Grundsatz unserer Eidgenossenschaft ist von einer so einleuchtenden, besiegenden Klarheit; so offenbar beruhet unser aller Ehre, Glück, Dasein auf unsrer Verbindung, unser Volk ist noch so vaterländisch bieder, daß zwar nach Familienart, Brüder auf Brüder wohl gezürnt, aber nie der großen Tage vergessen, wo wir allesamt, gemeine Eidgenossen von Städten und Ländern, für den Bund, unsern Vater, für die Freiheit, unsre Mutter, in einem Sinn sieghaft und glorwürdig
zusammen gestanden."
Am 24. November wurde auch mit Bern Frieden geschlossen, und bald darauf die Verbrüderung und Ruhe in der ganzen Schweiz wieder aufgerichtet.
Küssenbergs Chronik schließt den Kriegsbericht mit den Worten: „Und ward wieder Friede und Einigkeit im ganzen Land. Gott sei ewig Lob und Dank gesagt."
DIE ERSCHEINUNG IN DERKAPPELERSCHLACHT
Obschon die Erscheinung auf dem Gubel mehrfach bezeugt wird, gehen wir doch nicht näher darauf ein, weil sie wie die dortige Schlacht selbst unmittelbaren Bezug auf die Nationalwallfahrtstätte in Einsiedeln hat und in deren Geschichte gehört.
Kehren wir also zu derjenigen zurück, die vor und in der Kappelerschlacht gesehen worden. Cysat meldet darüber in seiner Wesemlin Historie:
„Nun merk wohl auf, es ist kein Spott. Das wirket Gott. Es traf sein'n Glauben, Ehr' und Pott (Gebot)... Drum steht er bei den Alten, die seinen Glauben b'halten... Man sah mit Trost und Gottes Lob ob der fünf Orten Bannern am Himmel hoch dort schwoben ob.
Nämlich Mariä Bild so trat, wie man es hat wohl auf Wesemlins Platz und Statt vor etlich Wochen g'sehen, das brach auch in dem Feld voran, auf Lagers Plan. Den alten Christen lag daran, zum Trost ist's ihnen b'schehen, des tut man Lob bejehen (sagen)."
Diese Erscheinung glich vermutlich der am Pfingstsonntag, welche dem Spitalmeister von Mettenwyl allein zuteil geworden. Darum sieht man ihn auf dem Schauenseer Gemälde in Waffenrüstung und von Waffen umgeben, und darum pflegte man später kurzweg zu sagen, die Mutter Gottes sei ihm vor der Kappelerschlacht auf dem Wesemlin erschienen.
Cysat deutet an, daß sich das wunderbare Bild sowohl über dem Lager gezeigt, wie auch den Streitern vorangezogen. Für beides haben wir zahlreiche Belege. Jenes beteuert uns z.B. das anno 1533 verfaßte Kappelerlied:„Als man hernach gesehen hat die fünf Ort' waren in ihrem Bet (Gebet) zu Baar wohl in dem Boden, gesah man ein weiß' Frauenbild schweben ob den fünf Bannern oben."
Daß es dem Heere voranschwebte, besingt der damalige Gerichtsschreiber Salat in seinem Schlachtlied:
„Die Bildnis der Hochgebenedeiten Maid, die bei dir wohnet, hohe Dreifaltigkeit, im Bann mit ihnen ist g'flogen."
Noch wertvoller ist die Aussage jenes Priesters, der im katholischen Lager weilte und nach den Siegen den verbündeten Rottweilern, die, 200 Mann stark, mit ihrem Fähnlein zu Walzhut lagerten, die frohe Kunde überbringen mußte. Die für uns wichtigste Stelle daraus ist diese:
„Ist nicht lang gestanden, haben sie (die fünf Ortei bei Kappel) ihr (der Zürcher) Ordnung zertrennt und untröstlich dareingeschlagen, nicht ohne Wunderzeichen, wann sie oben haben gesehen schweben, sie nicht allein, auch aus ihrem Widerpart Weib und Mann, die Bildnis der Mutter Gottes und eine weiße Taube darob.
„Also mit der Hilfe Gottes haben die fünf Orte ihre Feinde in die Flucht geschlagen."
Dieser schriftlich abgefaßte Bericht wurde unverzüglich der Stadt Rottweil zugeschickt, und diese übermittelte ihn am 31. Oktober nebst einem Begleitschreiben dem Obervogt zu Balingen, Hug Werner von Ehingen. Von da ging er noch am gleichen Tage an den württembergischen Statthalter und Regenten über, wie ein zweiter Mitbrief beweist.
Die drei Originaldokumente hat mir seinerzeit der Direktor des kgl. Württ. Geh. Haus- und Staatsarchives zum Kopieren und eventuellen Photographieren in zuvorkommender Weise zur Verfügung gestellt.
Das Antwortschreiben der Stadt Rottweil an die katholischen Eidgenossen, datiert vom Mittwoch nach Mariä Opferung, liegt im Luzerner Staatsarchiv. Es heißt unter anderm darin: „Den Allmächtigen wir emsig flehen und bitten, da er euch gegen eure Widerwärtigkeiten durch die Fürbitte seiner würdigen Mutter und aller Auserwählten zur Handhabung eures christlichen Vorhabens – wie bisher wunderbarlich beschehen – durch seine göttliche Hilfe, wie wir denn zu siner göttlichen Gnade ganzen Glauben, Zuversicht und Vertrauen haben, behilflich sein werde."
Auffälliger Weise hat Strickler in seiner Aktensammlung die Stelle „wie bisher wunderbarlich beschehen" ausgelassen. Und doch bilden gerade diese paar Worte einen Schwerpunkt des Briefes.
Eine Ergänzung zum oben zitierten Bericht über die Erscheinung der seligsten Jungfrau und der weißen Taube enthalten die Annalen des 1553 verstorbenen Augustiner Priors Kilian Leib. Es heißt darin:
„Einige Zürcher behaupteten, über dem Schwyzer Banner wiederholt eine weiße Taube schweben gesehen zu haben, und daß sie vor dem katholischen Heer eine Frauengestalt erblickt, versicherten andere feindliche Gefangene."
Daß nicht alle die Erscheinung beobachtet, und daß sie nicht von allen gleich vollkommen beobachtet worden, muß uns nicht wundern. Wir haben uns hierüber bereits anläßlich derjenigen auf dem Wesemlin ausgesprochen und wollen drum nur noch zwei Analogien aus der heiligen Schrift streifen. Als wenige Tage vor Jesu Leiden die Stimme des Vaters erscholl, daß er seinen Sohn verherrlichen werde, meinten einige, es habe bloß gedonnert. Und als Saulus vor Damaskus den Heiland sah und seine Mahnung deutlich hörte, bemerkten seine
Begleiter bloß ein wunderbares Licht und ein Geräusch.
Die weiße Taube muß auch außer der Schlacht erschienen sein. So notiert der reformierte Bonifazius Ammerbach am 29. Oktober 1531 in seinem Tagebuch:
„Item, es ist einem Rat von Basel geschrieben, soll auch von menglich (manchen) gesehen worden sein. Als die von Schwyz mit ihrem Banner ausgezogen und gekommen durch die Kirchgasse, ist eine weiße Taube auf dem Banner gesessen etc."
Und schon zehn Tage zuvor hatten die beiden Reformierten, Vinzenz von Werd und Hans Meyer an Bern geschrieben, daß bei Bremgarten die Berner und Entlibucher Wachen auf einander gestoßen, und daß letztre gesagt, „ihre Partei (die Katholiken) haben in allem Glück, denn über ihrem Volke habe man eine weiße Taube gesehen." „Dergleichen Reden (würden) jene viel gebrauchen und die Berner damit unwillig machen."
Fassen wir das Gesagte kurz zusammen. Die Erscheinung Unserer lieben Frau in der Kappeler Schlacht erinnert an die auf dem Wesemlin, und die weiße Taube, die ihr obschwebte und sich auch sonst noch zeigte, riefen die Pfingsttage zurück. Auf dem Wesemlin hat Maria, die Braut des Heiligen Geistes, den für den Glauben Kämpfenden ihren Beistand verheißen, und in der Kappeler Schlacht hat sie ihn gewährt.
DIE WEISSE TAUBE
Weiße Taube, Bild der Liebe, das der heil'ge Geist erkor,
schwebst im blut'gen Schlachtgetriebe dem geweihten Banner vor.
Kündest allen, Friedensbote, daß kein Stahl, der flammt und klirrt,
daß die Liebe nur die tote Eintracht auferwecken wird.
Wählst den Hügelfels, den starken, dir und deiner Braut zum Haus,
breitest über Stadt und Marken deiner Liebe Fittich aus.
Uns beschirmend und erlabend, du allzeit treue Wacht,
bis wir, naht der Feierabend, sprechen: Herr, es ist vollbracht.
Wie die Taube, die zur Kunde Noe ausgesandt, so zeig
uns in jener letzten Stunde den ersehnten Friedenszweig!
Erstmals erschienen in "DAS ZEICHEN MARIENS", Oktober 1992, 26. Jahrgang, Nr. 6, Seiten 8218-8222)
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Donnerstag, Mai 18, 2006
Die Muttergotteserscheinungen in den Schlachten bei Kappel und auf dem Gubel
Zum Bild: Einsiedler Madonna, Deckengemälde auf Holz im Refektorium der Abtei, von Joh. Brandenberg aus Zug (1711/12)Ein sehr interessantes Dokument im Zusammenhang mit unserem Bericht über die Muttergottes-Erscheinungen auf dem Wesemlin bei Luzern:
DIE SCHLACHT BEI KAPPEL
Den Zürchern waren die Zurüstungen der fünf Orte nicht entgangen. Sie hatten ab und zu Spione ausgeschickt und blieben so stets auf dem Laufenden. Lange wollten sie zwar nicht glauben, daß es ernst gelte. Denn wie sollte ein an Zahl so beschränktes Heer es wagen, sich mit ihnen und ihren Verbündeten zu messen?
Gleichwohl sahen sie sich auf alle Fälle vor. Einen Hauptwert legten sie auf gute Geschütze und Munition, zu deren Herstellung ihnen der Hesser Landgraf seinen besten „Artilleriekünster", den Büchsenmacher Afterkamm, hergesandt.
Die allarmierenden Nachrichten mehrten sich. Am 8. Oktober kam ihnen gar die Botschaft, die Luzerner hätten schon die Banner in die Brunnen gesteckt und zögen in die freien Ämter.
Eilboten mußten die Kunde in die verbündeten Burgerstädte bringen und rasche Hilfe fordern.
Ratsversammlungen wurden abgehalten und der Entschluß gefaßt, einen Heertrupp nach Kappel zu werfen, die kommenden Dinge abzuwarten und, stellten sich dort die Katholiken nicht, nach Zug und auf Luzern zu marschieren, waren doch beiderorts nur wenige Männer mehr in der Stadt.
Die Innerschweizer erhielten Wink davon, schwenkten von Hitzkirch ab und Zug zu. Hier wurde am folgenden Morgen, 11. Oktober, die heilige Messe angehört und der Imbiß genommen. Dann sammelte man sich auf der Zuger Allmende, die Hauptleute musterten die Mannen, und alle schmückten sich mit einem Tannenreis als Erkennungszeichen. „Auch redete ein jeglicher Hauptmann", erzählt Schultheiß Golder von Luzern, der selber einer war, „mit seinen Knechten (/Streitern), sie sollen, so uns Gott der Allmächige den Sieg werde geben, nicht zu begierig über die Feinde sein, angesichts dessen, daß sie zuvor auch unsere Eidgenossen waren und, so Gott will, wieder werden mögen. Darnach hieß man männiglich niederknieen und mit ausgespannten Armen fünf Pater noster und Ave Maria in das Leiden unseres Herrn beten, daß er seine göttliche Hilfe bei uns lasse sein." —
Jetzt wird das Zeichen zum Aufbruch gegeben, und voraus sprengt ein berittener Trompeter, den Absagebrief den Zürchern zu überbringen. Sobald er zu den marschierenden Truppen zurückgekehrt, setzten diese auf Feindesgebiet über.
Die Reformierten, die zum Teil schon gestern in Kappel angekommen, hatten sich auf einem hochgelegnen Acker postiert und die Geschütze aufgepflanzt. Ihre Lage war günstig, nur daß der nahe Wald ihren Ausblick schmälerte. Sie hätten ihn deshalb gerne gelichtet, aber der Abt von Kappel, der einer von den ihrigen war und dem das umliegende Land zugehörte, versagte es ihnen, sie beruhigend, daß man von dort her nichts zu fürchten habe.
Die Katholiken aber stiegen gerade jenseits des Gehölzes an, und fielen, als sie die Harnische der Feinde durch die Baumwipfel glitzern sahen, nochmals auf die Kniee, um gemäß dem Brauch der Altvordern, die es beim Anblick des Gegners stets so gehalten, Gottes Beistand auf ein neues herabzuflehen.
Da knallten drei Schüsse von der Zürcherseite her. Zwei gingen fehl, und nur einer streifte leicht den Schenkel des Urner Ammans Troger. Dieser ruft ermunternd den Seinen zu: „Liebe Eidgenossen, ihr Geschütz wird uns heute wenig schaden."
Auch katholischerseits wurden einige Schüsse abgegeben. Aber es war da und dort nur ein nichtssagendes Geplänkel, indem die beiden Heere kaum für einen heutigen ernstlichen Angriff waren. Die Zürcher nicht, weil sie, obschon zur Stunde einige tausend Mann Verstärkung eingetroffen, doch den Hauptzuzug auf morgen erwarteten, und die Mehrzahl der katholischen Anführer nicht, weil bereits der größere Teil des Tages vorüber und es überdies Mittwoch, der heurige Wochentag des Festes der heiligen unschuldigen Kinder war, an dem man nur gezwungen zum Schwertstreich ausholen wollte.
Johannes Jauch von Uri hingegen, solcher Bedenken überdrüssig, sammelte mit Schützenfähndrich Rudolf Has von Luzern 300 tüchtige Schützen und 400 schlagfertige Knechte und stellte sie, nachdem er die feindliche Ordnung genau erspäht, im Gehölze auf, sie zugleich ermahnend, bis zum Angriffsbefehl zu beten.
Mit Schrecken bemerkten die Zürcher, daß sich gerade von dorther, wo sie es am wenigsten vermutet hatten, der Gegner nahe. Flugs begibt sich Büchsenhauptmann Peter Fügli zu Oberhauptmann Lavater, der just mit den Hauptleuten Göldlin und Töning, sowie mit Zwingli im Gespräche ist, und bittet ihn, unverzüglich eine andere Aufstellung der Mannschaft und Geschütze zu gestatten. Das würde Störung und den Knechten Anlaß zum Verlaufen geben, lautete die Antwort.
Es wäre tatsächlich zu spät gewesen. Denn schon prasselten die Kugeln daher, manch einen niederstreckend. Die Zürcher Knechte stürmen dem Walde zu, und aus demselben drängen jene vor, die Jauch und Has gesammelt. Ein Rufen und Schreien, ein Schlagen und Stechen bricht los, wie man es selten gehört und gesehen. Füglis Geschütze sind lahm gelegt. Nur nach den Baumästen können sie zielen, wollen sie nicht die eignen Leute zugleich mit den Feinden niedermähen.
Bald sind auch die übrigen Streitkräfte der fünf Banner auf dem Kampfplatz. Die Zürcher Wogen weichen und verwandeln sich plötzlich in eine jähe Flucht. Die Katholiken stürzten ihnen nach und verfolgten sie bis an den Horgerberg.
Dann kehrten sie auf die Walstatt zurück, beteten wieder auf den Knieen und mit ausgespannten Armen fünf Pater und Ave in das Leiden des Herrn, doch diesmal „um Lon und Dank zu sagen für seinen treuen Beistand, so er uns erzeigt".
Bis in die tiefe Nacht hinein besah man das Schlachtfeld und die Beute und brachte den Verwundeten die erste Hilfe.
Der Kampfplatz war mit Leichen bedeckt, und auch der Fluchtweg war reich an solchen. Alle gleichzeitigen katholischen Berichterstatter schätzten die Verluste des Gegners auf 1500 bis 1600 Mann. Besonders schwer ward Zürich selber heimgesucht. Denn unter den Gefallenen fanden sich viele seiner hervorragendsten Männer nebst ungefähr 400 sonstiger Bürger, und Zwingli, der Urheber all des Leides.
Aus den fünf Orten fielen blos 30 Mann. Die Zahl der Verwundeten war beträchtlicher, doch genasen fast alle wieder.
Der reformierte Hans von Hinwil schreibt in seinem Kriegsbericht: „So sollen von den fünf Orten so wenig Leute umgekommen sein, daß ich es nicht melden darf, bis ich es gewisser weiß, denn wenn es also, hat sie Gott wohl behütet".
Um 7 Uhr abends traf die Trauerkunde in Zürich ein. „Größere Angst und Not hat keiner, der da jetzt lebt in Zürich, je erlebt", meldet der Augenzeuge Werner Steiner. Selbst den Streitbaren, fügt Hinwil bei, war nach der Flucht der Mut so gesunken, daß, „jedermann wollte krank sein".
Was war wohl die Ursache der Panik, welche das Heer der Reformierten mitten im Gefecht überfiel, und die eine so übereilte Flucht zur Folge hatte?
War es die Niedergeschlagenheit der Gemüter, wovon Bullinger spricht? Und wenn ja, warum diese Niedergeschlagenheit? Zwingli hatte doch den sichern Sieg vorausverkündet.
Oder waren es Verräter, die zur Flucht anspornten, wie jener Springli von Fluntern, der, nach Vadian, ausgerufen haben soll: „Fliehet, fromme Zürcher, oder keiner von euch kommt davon!" Aber eine solche Stimme wäre doch von tapfern Mannen überhört worden.
Für uns Katholiken mag Renward Cysat eine Lösung geben, wenn er in seiner Wesemlin-Geschichte versichert, man habe über den fünf Bannern das Bild Mariae, wie es vor einigen Monaten auf dem Wesemlin erschienen, schweben sehen.
Wir wollen in einem spätern Kapitel ausführlicher darüber reden.
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Die Muttergotteserscheinung auf dem Wesemlin ob Luzern
von HH A.R.P. Pius Suter, O.F.M. Cap.Die Zeit, da über dem Wesemlin (Luzern) ein Stern der Gnade aufging, war eine Zeit schwerer Not.
Es war die Zeit der Glaubensspaltung, der sogenannten Reformation. In der Kirche hatten sich nach und nach Mißstände gebildet. Es regierten Päpste, die mehr Interesse für Staatsgeschäfte und Kunst entfalteten als für kirchliche Dinge. Da die Bischöfe zugleich Landesherren waren, lebten manche ganz wie weltliche Fürsten und vernachlässigten darüber das Hirtenamt. In vielen Klöstern war die Ordensregel in Zerfall geraten. Ebenso vermißte man bei den Weltgeistlichen gar häufig Bildung und reinen Wandel. Massenhaft drängten sich in den geistlichen Stand Leute ohne Beruf, bloß des sicheren Auskommens wegen.
Wohl fehlte es nicht an musterhaften Priestern und verschiedene geistliche Obern gaben sich Mühe, den religiösen Geist in ihrem Sprengel zu erneuern.
Daneben erhoben sich aber Männer, welche nicht nur gegen die Mißbräuche in der Kirche auftraten, sondern die Kirche und ihre Lehre selbst bekämpften und dadurch den katholischen Glauben in weiten Kreisen erschütterten.
Der Führer dieser Bewegung war in der Schweiz Ulrich Zwingli. Früher Pfarrer in Glarus, später Leutpriester in Einsiedeln, wurde er Ende 1518 als Leutpriester ans Großmünster in Zürich gewählt. Dieser Mann erregte in Zürich bald Aufsehen, gewann großen Einfluß und entfernte sich immer mehr von der katholischen Kirche. Zwingli fand begeisterte Freunde namentlich im Rat und unter der Geistlichkeit. Mehr und mehr ließ sich auch das Volk auf der Landschaft für die Ideen Zwinglis gewinnen; in den Jahren 1524 und 1525 wurde die sog. Reformation auf dem ganzen Gebiete Zürichs durchgeführt: Die Heiligenfeste wurden abgeschafft, Prozessionen und Wallfahrten verboten, die Bilder aus den Kirchen herausgerissen, zertrümmert und verbrannt, goldene und silberne Kirchengeräte eingeschmolzen, manch schönes Kunstwerk vernichtet.
1527 fiel auch Bern vom katholischen Glauben ab und brachte auch die Landschaft, zum Teil mit Gewalt, zur Trennung von der Kirche. Auch in St. Gallen, in den äußern Rhoden von Appenzell, in Toggenburg, Glarus und Basel und Graubünden ging der Abfall vom katholischen Glauben rasch voran.
Wahrhaftig eine trübe Zeit! Eine Zeit schwersten Kummers für jeden, der mit ganzem Herzen an der heiligen Kirche, am Glauben der Väter hing.
Eine trübe, notvolle Zeit, welche Spaltung in die Eidgenossenschaft hineintrug, welche die großen, reichen und stolzen Kantone des Mittellandes und die kleinern, ärmern Kantone der Urschweiz in zwei feindliche Heerlager trennte und das düstere Zukunftsbild des Bürger- und Bruderkrieges erscheinen ließ.
Die reformierten Parteiführer, vorab Zwingli und der Basler Ökolampad, drängten zum Kriege, um die katholisch gebliebenen Kantone der Urschweiz, samt Luzern und Zug, mit Gewalt zur sog. Reformation zu zwingen.
Der besonneren Art der Berner war es zu danken, daß nicht alsogleich mit Feuerwaffen, mit Schwert und Hellebarde gegen die katholischen Kantone losgegangen wurde.
Trotzdem verdunkelte sich der Horizont immer mehr.
Es war zu Pfingsten 1531, am 18. Mai. Die Glocken der Hofkirche in Luzern wollten Festfreude verkünden. Aber in den Herzen der Luzerner widerhallten sie wie Trauergeläute. Wie zu einem Leichenbegängnis zog man zur Hofkirche von St. Leodegar hinauf. Warum diese Trauer? Just am Vorabend von Pfingten 1531 war von Zürich und Bern der harte Bescheid eingelaufen, daß die PROVIANTSPERRE unwiderruflich über die Innerschweiz verhängt sei. Dadurch wurde die Zufuhr von Mehl, von Salz und vielen andern zum Leben notwendigen Dingen versperrt, versagt und verlegt. Diese Maßregel war für Luzern, Zug und die Urschweiz ein harter Schlag. Konnte keine Verständigung getroffen werden, so stand für den kommenden Winter die Hungersnot vor der Türe, die entweder zur Preisgabe des katholischen Bekenntnisses oder zur Notwehr drängte. - Es war eine düstere Zeit!
Auch von UNSEREN TAGEN müssen wir sagen: eine düstere, notvolle Zeit. Man redet nicht umsonst vom drohenden Untergang des Abendlandes. Die Gottlosigkeit brüstet sich frech und ungestraft. Damtit verbunden ist der Niedergang der Sittlichkeit, die Auflösung des Familienlebens, die schreckliche Verlotterung der Ehe.
Dabei sind die Lebensverhältnisse vielfach unerträglich. Auf der einen Seite riesige Reichtümer, auf der andern Arbeitslosigkeit und Not.
Man denkt nicht ohne Bangen an die Möglichkeit gewalttätiger Umwälzungen, an die Möglichkeit kommender Kriege, welche die furchtbaren Weltkriege an Entsetzen und Greuel weit übertreffen werden.
Hier, wie einst für die bedrängten katholischen Eidgenossen, gilt das Wort: NOT LEHRT BETEN. - Da gilt das Wort des Heiligen Geistes: "Rufe zu mir am Tage der Trübsal, so will ich dich erreten" (Ps. 49, 15). Der Psalmist bestätigt: "Am Tage meiner Trübsal rufe ich zu Dir, denn Du erhörest mich" (Ps. 63, 2). Und Isaias: "Herr, in der Not sucht man Dich" (Is. 26, 16).
Hier gilt das rührende Beispiel Jesu. In seiner Todesanst am Ölberge fleht der Heiland inbrünstig zum himmlischen Vater.
Im Vaterunser lehrt der Herr uns beten: Erlöse uns von dem Bösen!
In ihrer Not nahmen die Eidgneossen ihre Zuflucht zu Gott und seinen Heiligen. So kann ich an zweiter Stelle berichten von kindlichem und betendem Gottvertrauen.
In schwieriger Lage, in Ratlosigkeit wendet man sich um Lehre und Weisung an gotterleuchtete Menschen. Nun lebte um das Jahr 1531 im Ranft bei Sachseln eine hochbetagte Klausnerin, CÄCILIA BERGMANN; eine gotterfüllte, erleuchtete Person, die den heiligen Bruder Klaus noch gekannt und von ihm Anweisungen zum Eremitenleben erhalten hatte. Um ihren Rat gefragt, riet sie den Innerschweizern, mit der Waffe ihr gutes Recht zu erfechten, die Mutter Gottes werde ihnen beistehen.
"Sie hat die fünf Orte ermahnt (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug), daß sie die Furcht Gottes für sich nehmen und treulich anrufen, denn er wolle erbeten sein. Darauf haben geordnet die fünf Orte in ihren Land und Lager, daß ein jeder Mensch, sei er jung oder alt, so man am Morgen zum Gebete läutet, mit ausgespannten Armen solle sprechen fünf Paternoster und fünf Ave und den Glauben, desgleichen zu Mittag und Nacht, in der Messe zweimal und eben so oft, wenn sie ratschlagen in der Gemeinde." Auch wurden Bittgänge und Wallfahrten in Bußkleidern und barfuß abgehalten und das sogenannte "GROSSE GEBET DER EIDGENOSSEN" (siehe Christiana-Verlag) angeordnet, das teils stehend, kniend, zur Erde geneigt, teils mit ausgebreiteten Armen oder gefalteten Händen zu verrichten war und stundenlang dauerte. Um des göttlichen Schutzes und der Fürbitte der seligsten Jungfrau umso sicherer zu sein, wurden achtzehn Witwen aus den allerfrömmsten erwählt und nach EINSIEDELN geschickt, um in der dortigen Gnadenkapelle, je wechselweise zu sechsen, Tag und Nacht bis zum Friedensschluß zu beten.
Dieser Geist der Gläubigkeit und des Gottvertrauens klingt aus der Klageschrift und Kriegserklärung, welche die katholischen Eidgneossen am 9. Oktober 1531 auf ihrem Tag zu Brunnen geschrieben und gen Zürich geschickt haben. Sie schließt mit dem Satze: "Nachdem wir aber ehrenhalb nicht mehr fürkommen können und mögen, sondern solches Gott, seiner würdigen Mutter und allem Heer im Himmel und allen frommen Herzen auf dem Erdreich klagen müssen, so haben wir auf unsern Eid erkannt, daß wir Ursache, Fug und Recht haben, uns mit der Hand und Tat zu Recht zu verhelfen."
Dieser Geist des betenden Gottvertrauens erfüllte auch die Bewaffneten. Als man am 11. Oktober 1531 nach heiliger Messe und Imbiß in Zug sich aufmachte und gen Kappel in den Kampf zog, redete jeder Hauptmann zu seinen Leuten, sie sollen, so uns Gott den Sieg geben werde, nicht zu begierig über die Feinde sein, angesichts dessen, daß sie zuvor uns Eidgnossen waren, und so Gott will, wieder werden mögen. Darum hieß man männiglich niederknien und mit ausgespannten Armen fünf Pater und Ave in das Leiden unseres Herrn beten.
Als dann bei dieser Schlacht zu Kappel Hans Jauch von Uri und Rudolf Haas von Luzern ihre dreihundert tüchtigen Schützen und vierhundert schlagfertigen Krieger zum entscheidenden Vorstoß in einem Gehölz aufgestellt hatten, ermahnten sie sie, bis zum Angriffsbefehl zu beten.
Dieser kindliche und schöne Geist des Glaubens und demütigen Gebetes findet sich verkörpert in einem Manne, dessen Name ich mit Freude und Ehrfurcht nenne. Es ist dies der edle Herr MAURITZ VON METTENWYL. Das Liber vitae, das Jahrzeitenbuch der Hofkirche, welches selbst bei hervorragenden Persöhnlichkeiten nur Name, Todestag und Stiftung ausgibt, vermerkt auf 19. April 1548 mit auffallend großen Buchstaben: "Es starb der hochangesehene Herr Mauritz von Mettenwyl, der unermüdliche Verwalter des Luzerner Stadtspitals."
Wie wir aus veschiedenen Berichten und Vermerkungen entnehmen können, war dieser edle Luzerner wie seine ganze Familie durch unwandelbare Treu zur Kirche und aufrichtige Frömmigkeit ausgezeichnet.
Durch das Gebet hat der Mensch selbst Sitz und Stimme im Rate des Dreieinigen Gottes, wo alle Weltanliegen zum Austrag kommen. Nichts gibt es, wofür er seine Stimme nicht einlegen kann. So macht der Mensch, der einfache, demütige Christ wirklich Weltgeschichte mit seinem Gebet. So war es immer. Die Geschicke des Christentums wurden nicht bloß entschieden auf den Schlachtfeldern der Milviusbrücke und auf den Marterstätten der Glaubensbekenner, sondern auch in den stillen, unterirdischen Kirchen, wo das Christenvolk betete, unter der Palme des Einsiedlers Paulus und in der Höhle eines Antonius. - Unabsehbar groß ist die Wirksamkeit des Gebetes und wir wissen gar nicht, was wir alles vermögen durch das Gebet.
Nun hat Jesus gesagt: "Bittet, und ihr werdet empfangen. Klopfet an, und es wird euch aufgetan werden." - Sollte nicht Gott seinen Auserwählten, wenn sie Tag und Nacht zu ihm rufen, zu ihrem Recht verhelfen? (Lk. 18, 1-8.) "Der Herr wird sehen auf das Gebet des Demütigen und wird sein Flehen nicht verschmähen" (Ps. 101, 18). "Nahe ist der Herr denen, die gebeugten Herzens sind, und den Geistgebeugten hilft er" (Ps. 33).
Was der Herr verheißt, hat sich an dieser Stätte erfüllt und bewahrt. Das demütige, vertrauensvolle Gebet der katholischen Eidgneossen war nicht umsonst.
In der Zeit großer Not hat Gott das kindliche Flehen mit einer himmlischen Gnade beantwortet.
Und zwar ist es nicht bloß unsichere Überlieferung, sondern wohlverbürgte, geschichtliche Tatsache, DASS DIE MUTTER GOTTES GLORREICH AUF DEM WESEMLIN ERSCHIENEN IST.
Diejenigen freilich, welche auf die absolute Unveränderlichkeit der Naturgesetze schwören, diejenigen, welche den Augenzeugen nicht glauben, wenn sie uns berichten, wie Jesus Aussätzige, Blindgeborene plötzlich gesund gemacht und Tote auferweckt hat, diejenigen, die in ihrer Überhebung dem allmächtigen und barmhezrigen Gott gleichsam die Hände binden wollen, wenn er dem vertrauenden Gebet bedrängter Menschen wunderbar entgegenkommt, die werden auch heute sich zweifelnd und ungläuig abwenden, wenn wir von einer sichtbaren Erscheinung der Mutter Gottes reden.
Wir aber, die wir unbefangen und vernünftig genug sind, dem zuverlässigen Zeugnisse der Geschichte uns zu beugen, auch wenn sie Verkommnisse uns berichtet, die unsere Begriffe übersteigen, wir glauben es freudig, wenn zuverlässige Menschen uns künden, daß allhier, in Zeiten der Trübsal, die Mutter Gottes glorreich und sichtbar erschienen ist.
Und zwar wählte sich Maria den Mauritz von Mettenwyl, dessen Herz für Gott und Heimat und die Armen in kräftiger Liebe schlug, zum Hauptzeugen ihrer Erscheinung.
Es war am Pfingssonntag 1531. Es war Abend geworden. Tiefer Friede breitete sich über die Matten auf dem Wesemlin. Mauritz von Mettenwyl, der damals im reifen Mannesalter stand, erging sich allein auf den Feldwegen in der Nähe seines Landgutes auf dem Wesemlin.
Da, wo jetzt der Hochaltar dieser Kirche steht, stand früher ein kleines Kapellchen mit einem Muttergottesbild. Als Fundament diente eine nackte Felsenplatte, die aus dem grünen Rasen hervortrat. Da kein Eigentümer dieser kleinen Wegkapelle bekannt war und für den Bau sorgte, begannen Regen und Wind das Zerstörungswerk. Schließlich folgten heimliche Anhänger der neuen Lehre dem Beispiel der reformierten Bilderstürmer, machten in stiller Nacht das zerfallende Heiligtum vollends zur Ruine und schlugen das Gnadenbild in Stücke.
An jenem Abend, da Mauritz von Mettnwyl an dieser Stelle einsam wandelte, lagen nur mehr die Trümmer der einstigen Wegkapelle herum. Mettenwyl war voll Kummer; er überdachte wohl die von heute an verhängte Proviantsperre und ihre Folgen. Er sah das Gerippe des Hungers und den unvermeidlichen Bruderkireg.
Flehend erhob der fromme Mann seinen Blick zum Himmel. Wars eine Täuschung, wars ein Traum, was er zu schauen begann? Hoch über der Felsenplatte, wo einst das Kapellchen gestanden, schwebt, vom Strahlenkranz umgeben, eine jungfräuliche Gestalt, die ein Kindlein auf dem Arme trägt. Mettenwyl wußte, daß er wachend sei. Alles Erdenweh vergessend kniet er nieder und faltet die Hände zum Gebet. Es war neun Uhr des Abends. -
Eine erste Erscheinung berechtigt keineswegs zum Schluß, daß ihr eine zweite folgen werde. Tatsächlich war aber die erste Erscheinung nur das Vorspiel einer zweiten, der sogenannten großen Erscheinung, die am Pfingstmontag etwa halb zehn Uhr abends erfolgte.
Es knieten an der geweihten Stätte einige Mitglieder der Familie von Mettenwyl, und einige wenige andere, welche betend bis halb zehn Uhr ausgeharrt hatten. - Da bildet sich ein nebliger Schein in der Luft; er wird größer und lichter, wird zu einem sonnenähnlichen Glorienscheine und aus diesem tritt das Bild der Hochgebenedeiten hervor mit dem göttlichen Kind auf dem rechten Arm und zu Füßen ein gebogener Strahl, welcher der Mondsichel gleicht. Die ganze Erscheinung leuchtete, glühte wie lauter Gold. Nur eines fehlte der Himmelskönigin, das Diadem. Da schweben ihr von oben zwei Engel zu und setzen ihr eine glitzernde Goldkrone auf das Haupt. Dann verglomm und veschwand die ganze Erscheinung. Sie hatte eine Viertelstunde lang die Augen und Herzen der frommen Beter in süßen, seligen Bann gehalten.
Ich kann es mir nicht versagen, euch das Wesentliche aus der wertvollen Urkunde zu geben, welche der Herr Mauritz von Mettenwyl, der Sohn des obgenannten Spitalherrn, höchst wahrscheinlich im Jahre 1566, in seiner Stellung als Stadtschreiber abgefaßt hat.
Im Namen Gott des Vaters des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Zu wissen (sei) und offenbar allen christgläubigen Menschen, daß eine lange uralte Zeit her auf diesem Platz und einem Stein oder Felsen ein kleines Käppelein mit trockener Mauer darauf gehauen, und darinnen ein Bild Unserer Lieben Frauen gestanden ist, derselben Bildnis etliche wenig geachtet, noch keine Ehre angetan, also daß solche Kapelle dachlos halb, auch durch Übermütige und Verschmähungspersonen unseres alten, wahren und unbezweifelten christlichen Glaubens zerschlagen und verachtet worden. Deshalb so ist auf selbigem Platz allhie am hl. Pfingsttag um die neunte Stunde nachmittags, als man zählte von der Geburt Jesu Christi tausend fünfhundert und dreißig Jahr und eins, an dem Himmel, klar, lauter und heiter, Unsere Liebe Frau, die würdige Mutter Gottes Maria, mit ihrem lieben Kindlein wahrhaftig gesehen worden. Und darnach morndrigs am Montag Nacht zwischen der neunten und zehnten Stunde ist sie abermals gesehen worden mit ihrem lb. Kindlein, auf dem rechten Arm sitzend, die Sonne hinter ihr, den Mond unter ihren Füßen, klar scheinend als wie Gold und dazu zwei Engel oben herab fliegend mit einer spitzigen Krone, ihr dieselbige aufgesetzt. Solches Gesicht hat gewahret eine Viertelstunde lang. Und darnach am dritten Tage, da kam herauf viel Volk erwartend und hoffend, solches an der dritten Nacht auch erscheinen sollte und sie es sehen möchten. Da ist ihnen nichts mehr erschienen.
Solche Gesicht im obgemeldeten Jahr und Tag habe ich Mauritz von Mettenwyl, derzeit Stadtschreiber zu Luzern, mit meinen sündlichen Augen auch wahrhaftig gesehen.
In den Pfingsttagen 1531, in diesen Tagen großer Bedrängnis, haben viele inbrünstig mit dem Gebet der Kirche, mit der frommen Pfingstsequenz gebetet: Veni Sancte Spiritus et emitte caelitus lucis tuae radium; Komm Heiliger Geist und sende vom Himmel her Deines Lichtes einen Strahl.
In jenen Tagen großer Not hat Gott das demütige Flehen der Bedrängten gnädig erhört; der Heilige Geist hat den ersehnten Pfingststrahl gesendet, hat an dieser weihevollen Stätte das holdselige Bild seine reinsten Braut, das Bild der seligsten Jungfrau mit dem Jesuskind glorreich erscheinen lassen.
Wir grüßen dich, Unsere Liebe Frau vom Wesemlin, mit dem heiligen Gebete: Ave Maria, gratia plena...
HH A.R.P. Pius Suter, O.M.Cap.
Erstemals erschienen in "DAS ZEICHEN MARIENS", Internationales katholisches Informationsorgan zur Wahrung und Förderung guter Tradition und echter Mystik", Monatsschrift, 9. Jahrgang, Nr. 9, Januar A.D. 1976, Seiten 2857-2859
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