Es war in den ersten Tagen des Heumonats 1843, als die ganze Stadt Rom durch mehrere Wunder in freudige Bewegung gerieth, die sich bei dem Muttergottesbilde von Ghetto ereigneten.
Eine arme Frau hatte ein fünfjähriges Kind, das an dem einen Auge von Geburt an blind, später durch Krankheit auch noch das andere verlor. Da alle ärztliche Hülfe vergeblich war, nahm die Mutter ihre Zuflucht zur Madonna von Ghetto, deren Bildniß in der Nähe der Judengasse sich befindet. Sie begab sich also sammt ihrem Kinde an diesen Ort, um da zu beten. Bald wurde sie erhört. Das blinde Kind fieng plötzlich zu schreien an: "Mutter, Mutter, ich sehe eine Muttergottes!" Und wirklich war das Muttergottesbild nun der erste Gegenstand, den das Kind nach seiner wunderbaren und vollständigen Heilung erblickte. Das Wunder verbreitete sich schnell, und zahllose Menschen kamen nun herbei, um das Bild zu sehen. Dasselbe wurde geschmückt, und des Abends recht schön beleuchtet. Der Andrang des Volkes war so groß, daß die Polizei, um Unfällen vorzubeugen, sich veranlaßt sah, zwanzig Mann als Wache hinzuschicken.
Um die nämliche Zeit wurde auch ein lahmer Maurer, der dort immer bettelte, vollkommen hergestellt.
Ein drittes Wunder bei diesem Muttergotttesbilde war die Heilung eines lahmen Mädchens; es ereignete sich am 2. Juli. Dieses Mädchen, das Kind einer Wascherin, konnte sich schon von Geburt an seiner Füße nicht im Geringsten bedienen; denn die Knochen der Füße und Beine waren so weich wie Lumpen, und konnten den Körper unmöglich tragen. Am genannten Tage nun saß dieses Kind auf der Stiege seiner Wohnung, und wartete auf die Zurückkunft seiner Mutter. Da sprachen einige Vorübergehende zu ihm: "Geh' zur Madonna hin, welche vor einigen Tagen den lahmen Maurer geheilt hat." Das Kind, gestützt auf seine hölzernen Krücken, deren es sich mit Schnelligkeit zu bedienen wußte, machte sich alsogleich auf den Weg.
Vor dem Muttergottesbilde angekommen, betete es - nach seiner eigene Aussage - den Rosenkranz, die Litanei, das Salve Regina und noch einige kurze Gebetlein. Kaum hatte es geendigt, so sagte eine Stimme zu ihm: "Laß deine Krücken hier und geh'!" - Das Mädchen erhob sich, und zum ersten Male in seinem Leben begann es zu laufen.
Schon seitdem das erste Wunder sich ereignet hatte, wurden vor dem Muttergottesbilde viele Kerzen angezündet, und viele Leute beteten daselbst, welche nun beim Anblick des geheilten Mädchens sogleich zu rufen anfiengen: "Wieder ein Wunder!" Bald war das Mädchen von einer großen Menge Volkes umringt. Überall sah man Freudenthränen vergießen, und von allen Seiten her ertönte der Ruf: "Mutter Gottes, Gnade! Mutter Gottes, Dank!"
Die ganze Stadt Rom freut sich über diese Gnadenbeweise der glorreichen Himmelskönigin. Das wunderthätige Bild, 2 Schuh hoch und 1 1/2 Schuh breit, stand bis zum 4. Heumonat Abends unter dem Bogen Cenci, hinter dem Judenplatze. Am folgenden Tage hat das Generalvikariat dasselbe in die Kirche zu "S. Maria del pianto" übertragen lassen, und dort zur Verehrung auf den Hochaltar gestellt.
Gebet zur allerseligsten Jungfrau Maria, die man verehrt unter dem Titel: "Hülfe der Christen".
Heiligste, unbefleckte Jungfrau und meine liebe Mutter Maria! Zu Dir, der Mutter meines Gottes, der Königin der Welt, der Fürsprecherin, Hoffnung und Zuflucht der Sünder, zu Dir eile ich heute, ich, der Elendeste unter allen Elenden! -- Wie kann ich Dich würdig verehren, o große Königin! Wie Dir genugsam danken für die vielen Gnaden, welche deine Liebe mir bisher erzeigt hat! O liebenswürdigste Königin, durch die Liebe, welche Du zu uns trägst, verspreche ich Dir, von nun an Dir treu zu dienen, und auch, so viel mir möglich ist, zu machen, daß Du auch von Andern geehrt und geliebt wirst. Auf Dich setze ich alle meine Hoffnung, mein ganzes Heil; nimm mich zu deinem Diener an, und beschirme mich unter deinem Schutzmantel, o Mutter der Barmherzigkeit! Und da Du bei Gott so viel vermagst, bitte ich Dich, Du wollest mich aus allen Versuchungen erlösen, oder mir wenigstens die Kraft erwerben, dieselben jederzeit und besonders in der Stunde meines Todes zu besiegen. Amen.
V. Bitte für uns, o heilige Gottesgebärerin!
R. Auf daß wir würdig werden der Verheißungen Christi.
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Mittwoch, November 08, 2006
Donnerstag, März 30, 2006
Die Weinende Muttergottes von Endingen - II

Fortsetzung (siehe 1. Teil)
1. Brunnen, Quellen, Flüsse, Meere,
Eure Hilf' ich jetzt verlang,
zu der Muttergottes Ehre
stimmet an ein Lobgesang.
Weil ihr sonst von Wasser fließet,
helfet mir die Zähren grüßen
die Maria geweinet hat,
hier in der Endinger Stadt.
2. Da man Tausend und sechshundert
und fünfzehne hat gezählt,
Auffahrtsabend gschah ein Wunder
hör' es an betrübte Welt.
Von sich selber hat das Bilde,
Unserer Lieben Frauen Milde
über uns erbarmet sich
und geweinet häufiglich.
3. Oh Endingen, komm behende
zu dem Wunder-Zährenbad,
wohl betracht dein Ziel und Ende,
wasch' all deine Sünden ab!
Dank der Muttergottes eben
und stell an ein frommes Leben!
Sei beständig, dich nicht wend,
oh Endingen, bis an's End!
Den Bericht über das Schicksal der Stadt Endingen, den uns der "Atlas Marianus" des Jesuiten Wilhelm Gumppenberg gibt, ergänzt und beleuchtet eine Schilderung, die sich im Oberrheinischen Diözesanarchiv findet. Diesen Bericht gibt uns ein Pater Burger vom Konvent in Tennenbach, der von seinem Abt nach Frankreich gesandt war, um den Quälereien der Soldateska des Krieges enthoben zu sein. Als er sich um das Jahr 1632 wieder in die Heimat begeben wollte, hielt ihn sein früherer Schulfreund, der Sohn des kaiserlichen Obersten von Äscher, davon ab. Oberst von Äscher hatte seinem Sohn nach Frankreich geschrieben, daß er in Endingen knapp der Gefangenschaft entronnen sei. Er sollte Endingen mit ein paar Hundert Mann verteidigen, aber eines Nachts sei der Rheingraf mit 10.000 feindlichen Reitern in Forchheim angekommen, um in der Frühe die Stadt eizunehmen. Die kaiserlichen Wachtposten meldeten den bevorstehenden Angriff Oberst Äscher, nachdem sie die Wachtposten des Rheingrafen vor der Stadt wahrgenommen hatten. Oberst Äscher ließ darauf die Kanonen und Musketen laden und nacheinander abfeuern. Unterdessen sammelte er die Männer der Stadt und seine Mannschaft und zog sich aus der Stadt zurück, um über den Katharinenberg nach dem stärker befestigten Breisach zu entkommen.
Der Rheingraf hatte aus dem Geschützdonner und dem Krachen der Musketen von Endingens Stadtmauer eine starke Verteidigungsmannschaft angenommen und wartete mit dem Angriff bis am Morgen. Seiner Forderung nach Übergabe der Stadt wurde durch das Öffnen der Tore sofort entsprochen. Man vermutete darin eine Kriegslist und betrat die Stadt mit äußerster Vorsicht. Als der Rheingraf sich getäuscht sah und er den kaiserlichen Obersten nicht hatte fangen können, überfiel ihn ein großer Zorn. Er befahl, die Stadt zu plündern und zu verbrennen. Da warfen sich die Frauen der Bürgeschaft und ihre Kinder ihm zu Füßen und baten ihn, ihre Heimat nicht zu verbrennen. Sie seien ja an all dem unschuldig. Der Rheingraf nahm darauf den Befehl des Verbrennens zurück. Nur zwei Stadttore sollten verbrannt werden, aber die Plünderung durch seine Soldaten hielt er aufrecht. Von dieser einen Plünderung sind wir also sicher orientiert, aber wir sehen auch, daß Gumppenbergs Bericht, daß die Stadt nicht verbrannt wurde und daß sie nicht verteidigt wurde, den Tatsachen entspricht. Außerdem stehen in Endingen auch heute noch ungezählte Häuser mit der Jahreszahl ihrer Erbauung, die weit vor dem 30jährigen Krieg stattfand. Die trauten engen Winkel und Gassen der kleinen mittelalterlichen Festungen finden sich größtenteils auch heute noch.
Die Stadt hat also einen außergewöhnlichen Schutz und eine Schonung erfahren, die der ganzen Umgebung nicht zuteil geworden ist. Mit Recht hat die Einwohnerschaft diese Wunder der Fürsprache der Muttergottes zugeschrieben, die durch ihre Tränen vor dem Hereinbrechen der furchtbaren Katastrophe die Einwohnerschaft zu Buße und Gebet bewegt hatte. Die Einführung der Rosenkranz-Bruderschaft war eines der Zeichen der Dankbarkeit der Endinger Bevölkerung. Die Bruderschaft wurde durchgeführt bis zu ihrer offiziellen Aufhebung durch Kaiser Josef II. im Jahre 1783. Auch hat er die Endinger Wallfahrt aufgehoben aus dem Geist der sogenannten Aufklärung, indem ein allgemein verwässertes dogmentfreies Christentum aufgebaut werden sollte. Auch Geistliche wurden von diesem Geiste angesteckt. Was die kaiserlichen Maßnahmen beim katholischen Volk nicht erreichen konnten, weil die Gläubigen an einem so wertvollen Erbe ihrer Ahnen hingen und es sich nicht nehmen lassen wollten, das brachte ein von Endingen gebürtiger Pfarrer Biechele durch Kleinarbeit mehr oder weniger zustande, nämlich die Wallfahrt zu hemmen.
Die Gläubigen hingen aber an der Wallfahrtsstätte; und als die Martinskirche bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts baufällig geworden war, und man daran dachte, an den Turm ein weltliches Gebäude zu fügen, erhoben sich tatkräftige gläuige Männer, verwarfen den Plan und bauten die Martinskirche, so wie sie jetzt steht, wieder auf, und der Opfersinn der Katholiken half ihnen dabei. Welche Freudigkeit die Gläubigen erfaßte, als die Bürgerschaft beschloß, das Langhaus der Wallfahrtskirche neu aufzuführen, geht aus dem feierlichen Glockengeläute hervor, das das freudige Ereignis der ganzen Stadt verkündet hat. Eine Inschrift am linken Seitenportal besagt: "Die Eintracht der Bürger erbaute diesen Tempel im Jahre 1845 und 1846." Die kunstgerechte Restauration des Innern folgte erst 1872. Für den durch Hagelschlag erlittenen Schaden bekam damals die Gemeinde 1.500 fl. aus der Staatskasse. Großmütig verzichteten die Bürger zugunsten ihres geliebten Marienheiligtums auf die Verteilung dieser Summe.
Als in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Anschluß an das 1. Vatikanische Konzil der Altkatholizismus sich erhob, wollten seine Anhänger die Wallfahrtskirche für die neue Lehre besetzen. Aber wachsame Bürger, unter ihnen tapfere Frauen und Mädchen, verteidigten ihr Heiligtum und retteten so die Gnadenstätte ihrer Tränenmutter. Eine Tat aus dem Jahre 1827 ist noch nachzutragen. Damals schlug ein Blitz in den Turm ein, und es bestand die Gefahr, daß ein Großbrand das Heiligtum vernichten könnte. Aber beherzte Männer bestiegen den Turmhelm, der oben brannte, sägten ihn ab und warfen ihn hinunter. Die Wallfahrtskirche war gerettet.
Trotz der Hemmung der Wallfahrt durch den Liberalismus des vergangenen Jahrhunderts war die Liebe und Verehrung zum Bilde der weinenden Muttergottes in Endingen in den Herzen lebendig. In ihren großen Anliegen wandten sie sich immer noch an die "Muttergottes von der Oberen Kirche". Und das nicht fruchtlos. Deswegen löste es eine ungeheure Begeisterung aus, als am 11. März 1934 die Wallfahrt nach gründlicher Vorbereitung durch Kaplaneiverweser Oskar Eiermann wieder eröffnet wurde. Damals hat der ganze Kaiserstuhl glaubensstarke Männer und Jungmänner zu den Endinger Männern stoßen lassen, um die Wallfahrt zur Weinenden Gottesmutter auch äußerlich und feierlich wieder zu eröffnen. Aus diesem Anlaß gingen in Endingen allein im Morgengottesdienst 750 Männer und Jungmänner zur heiligen Kommunion. Zur nachmittäglichen Feier auf dem Endinger Marktplatz fanden sich 3.500 Männer aus Endingen und allen Kaiserstuhlgemeinden ein. Das zündende Predigtwort hierfür hielt der Hochwüridge Herr Ehrendomherr und Dekan Knebel von Kiechlingsbergen.
Seit 1933 finden nun jede Woche am Montag und Samstag wieder Wallfahrtsgottesdienste statt. Hauptwallfahrtstage während des Jahres sind: Christi Himmelfahrt, Mariä Himmelfahrt, Sonntag nach Mariä Geburt und Rosenkranzssonntag. An diesen Sonntagen ist jeweils nachmittags eine Wallfahrtsandacht mit Pedigt. Wer aber erleben will, was in der Seele der gläubigen Endinger für eine Liebe und Verehrung zur Muttergottes lebt, die durch die wunderbaren Tränen ihres Bildes die Liebe und Teilnahme zu den gläubigen Verehrern unzweifelhaft zu erkennen gegeben hat, der komme nach Endingen am Mittwochabend vor Christi Himmelfahrt, dem Jahrestag des Tränenwunders. Dort wird er einen erhebenden Gottesdienst erleben, und zwar in der Wallfahrtskirche, und anschließend eine Lichterprozesson in des Abends Dunkel. Die Gläubigen tragen Kerzen, und in den Fenstern der Prozessionsstraßen glänzen die Lichter. Frohe Lobgesänge hört man in der ganzen Stadt, sie dringen zum Thron der hohen Frau, die der Herr zur Königin des Himmels und zur Helferin der Christen gesetzt hat.
Endinger Wallfahrtslied
Es quillt in Gottes Garten
ein Bronnen tief und hell:
Maria, Holde, Hohe,
Maria, ewig Frohe,
Maria, du jubelnder Quell!
Und unterm Kreuzbaum fließet
Ein Bronnen herb und weh,
Entfließt aus tausend Schmerzen
Maria, deinem Herzen
in Gottes urewigen See.
Laß uns die Seelen tauchen,
o Bronn in deinen Schacht,
daß deiner Wunder Quell
uns bade heil und helle
aus unsrer Sünden Nacht!
(Wilh. Flad)
Geistl. Rat Emil Schätzle, 1964
Für das vorliegende Schriftchen haben mir ihre gütige Beihilfe gewährt:
Herr Stadtpfarrer Alfons Gäng, Endingen
Herr Pfarrer Kurt Warter, Hausen i.K.
Herr Oberamtmann Karl Kurrus,Freiburg
Herr Pfarrer Dr. Adolph Futterer, Riegel
Die Weinende Muttergottes von Endingen - I
Am Auslauf zweier Tälchen des nördlichen Kaiserstuhles liegt das Städtchen Endingen.Seit alters, bis hinein in die Neuzeit, durchzog es eine wichtige Verbindungsstraße mit dem Elsaß. Alte Gebäude, Reste der Stadtmauer und manch andere geschichtliche Sehenswürdigkeit zeugen auch heute noch vom Glanz dieser Vorderösterreichischen Stadt. Aber der geistige Anziehungspunkt der frohen und geschäftigen Stadt ist in der "Oberen Kirche", die dem heiligen Bischof Martin von Tours geweiht ist. Vom Hochaltar blickt auf den Eintretenden das Bild unserer Gnadenmutter mit dem Kind auf dem Arm. Jahrhunderte haben schon vor diesem Bilde gekniet. Bis hinein in das Kinzigtal, hinauf auf die Höhen des Schwarzwaldes und hinüber in das Elsaß haben fromme Pilger schon vor 500 Jahren Trost und Frieden getragen, den sie bei der Gottesmutter von Endingen erlangt hatten. Über die Entstehung der ersten Kirche und der Wallfahrt haben wir keine Urkunde. Doch wissen wir allgemein, daß Kirchen mit dem heiligen Martin als Patron zu den ältesten unseres Landes gehören. Immerhin haben wir aus dem Jahre 1274 die erste verbürgte Nachricht von der "Sankt Martins-Pfarrkirche zu Ober-Endingen". Im Jahre 1333 haben nach einer Urkunde 14 frnzösische Bischöfe den Pilgern und Besuchern der Kirche einen Ablaß gewährt und die Bestätigung des Diözesanbischofs erbeten. Die Investitur-Protokolle der Bischöfe von Konstanz erwähnen im Jahre 1467 einen Altar zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria, den eine Handwerksgesellen-Bruderschaft unterhält. Nach alten Überlieferungen war der Zustrom an Pilgern oft so groß, daß die Bewohner der Stadt sie nicht alle beherbergen konnten. Im 16. Jahrhundert werden historische Überlieferungen über die Wallfahrtskirche zahlreicher. So soll im 16. Jahrhundert ein Jesuitenpater durch seine Predigt in der Kirche "Unserer Lieben Frau", die durch reformatorische Neurer verwirrten Bürger dem alten Glauben bewahrt haben.
Ein außerordentliches Ereignis aus dem Jahre 1615 gab dem Muttergottesbild seinen Namen und wurde auch der Anlaß zu neuer Blüte der Wallfahrt. Am Vorabend vor Christi Himmelfahrt, berichtet das alte Protokoll, das nach den Aussagen der vereidigten Zeugen von dem Stadtrat von Endingen verfaßt wurde, hat "Unser Lieben Frauen Bildnis und das Kindlein, das sie auf ihren Armen trägt, auf dem mittleren Altar, genannt Unser Lieben Frauen Altar, unter der Handwerksgesellen-Bruderschaft geweint". Dieses Weinen war eine ganze Stunde zu beobachten. Um dieses Ereignis, das sofort wahrgenommen wurde, sammelte sich rasch eine Menge von Zeugen, die im obengenannten Protokoll vom Stadtrat verhört worden sind.
Das wunderbare Ereignis des Weinens des Gnadenbildes wurde als ein Zeichen verstanden, das zu Buße und Gebet mahnt. Ein in demselben Jahr verfaßtes Lied der Endinger legt Zeugnis davon ab. Das Wunder vom Vorabend vor Christi Himmelfahrt des Jahres 1615 und seine Mahnung wurde in Endingen nicht vergessen. Noch heute findet an dem Tage vor Christi Himmelfahrt eine außerordentliche Feier und Lichterprozession der gläuigen Endinger statt. Die glückliche äußere Frucht des Tränenwunders am Gnadenbilde der Muttergottes war ein außerordentlicher Schutz für die Stadt Endingen und auch für die, die dort Zuflucht suchten während des nach 3 Jahren einsetzenden 30jährigen Krieges. Wir haben darüber 2 Berichte. Einen der im Jahre 1672 in dem Werk des Jesuitenpaters Wilhelm Gumppenberg über Marien-Wallfahrtsorte niedergelegt ist. Sein Werk, genannt "Marianischer Altlas" ließ er vom Jahre 1655 an erscheinen. Sein Bericht weist nur einen Fehler auf. Er hat ihn von seinem Ordensbruder, der Stadtprediger in Freiburg war und gleich nach dem 30jährigen Krieg 1649 nach Endingen kam, wo er von dem Wunder des Gnadenbildes hörte und sich beim Stadtrat und der Geistlichkeit über die Wirkung während des 30jährigen Krieges orientierte. Sein Fehler war, daß er in seinem Bericht an Gumppenberg die Städte Endingen und Kenzingen verwechselte. Aber Kenzingen konnte nicht gemeint sein. Der Bericht stimmt nur für Endingen.
Kenzingen war im 30jährigen Krieg fast gänzlich zestört. Die Übersetzung lautete folgendermaßen:
"(Kenzingen) ist ein wenig bekanntes Städtchen, schön gelegen und hat um sich herum mehrere Städte der gleichen Größe.
Es stehen dort zwei, nicht sonderlich geräumige Kirchen. In einer von diesen ist eine Statue Unserer Lieben Frau, ungefähr 3 Fuß hoch, berühmt wegen einer auffälligen Vorauskündigung, die nachher unsägliche Verwüstungen durch verschiedene feindliche Heere überreich besätigten. Denn wer weiß nicht, wie im ganzen Schwedenkrieg dieses sogenannte Obere Elsaß für feindliches und freundliches Militär zum Schauplatz diente, wo jegliche soldatische Willkür frevelte und sich austobte. Aber daß ich das Wunder von dieser Statue der Heiligen Jungfrau schildere, das ich oben erwähnte. Ehe der Schwedenkrieg ausbrach, zu einerZeit, als in jenem Landstrich noch tiefster Friede war, fing diese Statue an zu weinen und Tränen zu vergießen, als Anzeichen der bevorstehenden Übel. Eine Täuschung ist ausgeschlossen, denn das Weinen dauerte mehrere Stunden... die Statue konnte von allen gesehen, konnte berührt und untersucht werden. Zudem zog man geeignete Zeugen hinzu, und diese bestätigten die Sache unter Eid, wie das Volk sie sah. Es brachen dann die Nöte des Krieges herein. Und, was größer ist als tausend Wunder, sie haben in der ganzen Gegend Städte und Dörfer mit schrecklichen Bränden heimgesucht, so daß selten die Hälfte der Häuser von den Flammen verschont blieb. Aber in dieser Stadt, obgleich sie von keinem einzigen Soldaten je verteidigt wurde, hat kein einziges Haus Feuerschaden erlitten. Andere Kriegsfolgen wurden auch ihr zuteil, doch sie wüteten weniger heftig als sonst. Die Bevölkerung wurde nicht durch Sterblichkeit dahingerafft, wie es im übrigen zu sehen war. In dieser Stadt allein wohnten die Leute unter ganzen Dächern, während in den benachbarten Städten und Dörfern die Häuser in Asche gesunken waren oder nur noch Kohlen an Stelle der Balken zeigten. Auch war die Zahl der Bürger größer, wie ich schon sagte, und nicht wie anderswo durch die Pest verringert. Es empfing diese Statue Ehrungen von den Bürgern. Diese mehrte im Jahre 1649 ein Priester unserer Gesellschaft, der Pfarrprediger der benachbarten Stadt Freiburg, aufs wirksamste. Als er gerade dort durchreiste und den Rat beisammen fand, gewann er ihn für eine Rosenkranzvereinigung. Bei den Dominikanern in Freiburg brachte er die Angelegenheit so in Gang, daß die Bruderschaft im folgenden Jahre eröffnet wurde.
Die nächsten Städte und Ortschaften strömten hierher, als zu einem Mittelpunkt aller Frömmigkeit, und sie empfingen Guttaten von Maria, so daß jetzt das Bild verdientermaßen noch mehr unter die Wundertätigen gezählt werden kann als früher. Ich selbst bin an Ort und Stelle gewesen, habe die Statue gesehen und, was ich schrieb, von Mitgliedern des Rates erfragt. Auch die Geistlichen vesicherten, Urkunden davon zu haben." Dieser Bericht kingt glaubwürdig, da er von einem Manne stammt, der sich im Groß-Elsaß, wie das ganze Oberrheingebiet genannt wurde, umgesehen hatte. Gumppenberg ist es wohl kaum gewesen, er hat den Bericht eines Ordensgenossen erhalten und wörtlich verwertet. Es erbürigt sich, den Inhalt der Protokolle zu kennen, die vor dem Stadtrat Endingen mit den vereidigten Zeugenaussagen niedergelegt worden sind. Die Zusammenfassung der Aussagen der verschiedenen Zeugen führt folgenden einheitlichen Tatbestand uns vor Augen:
Am Abend vor Christi Himmelfahrt 1615 zwischen 5 und 6 Uhr begab sich Anna Lonerin, die Stubenmutter der Handwerksgesellen, mit dem Bürgermeister Matthäus Stegmeier in die Obere Kirche, um durch ihn die Weite des Kranzes für die Engel, das Frauenbild und das Jesuskind messen zu lassen, da sie den alten zur Prozession durch einen schöneren (Kranz) ersetzen wollte. Als sie vor dem Altar Unserer Lieben Frau standen, sahen sie, wie ihr Bildnis im Antlitz ganz feucht war. Weil sie meinten, es könnten Tropfen von Weihwasser sein, stieg sie auf den Altar, um den Kranz des Christkindes zu messen, und gewahrte nun in nächster Nähe, daß die Wassertropfen je länger desto dichter und häufiger flossen. Auch von der linken Wange des Jesuskindes strömten Tränen herab zum Kinn und vereinigten sich mit denen der göttlichen Mutter. Sofort rief man den Mesner herbei, der gerade das Bild der Heiligen Katharina auf das Fest zubereitete. Die Tränen, welche der Sigrist auf dem Bilde glänzen sah, wischte er mit seinem Finger ab und trocknete sie weiter am Altartuch. Allein sofort kamen weitere neue Tropfen am Angesicht der Mutter und des Kindes zum Vorschein, es wurde ganz davon übergossen. Jetzt rief man den Pfarrherrn und den unteren Kirchenpfleger Balthasar Wälde, der mit seiner Frau und noch vielen Leuten kam.

Der Pfarrer wischte mit einem weißen Tüchlein das Bildnis ab, allein gleich drangen wieder Schweißtropfen hervor, wie bei einem Menschen, der im Todeskampfe liegt. Gleich holte man den Dekan herbei, der sich auch von dem Ereignis überzeugte. Es wurde jemand aufs Dach geschickt, um zu sehen, ob nicht von oben Flüssigkeit herabträufle, doch es war oben vollständig trocken. Der Pfarrer und Martin Dirr, ein Ratsherr, machten nun mit Weihwasser die Probe. Sie besprengten die Statue des heiligen Sebastian damit, das sei aber gleich herabgeflossen und blieb nicht haften, wie die Tropfen im Angesicht des Frauenbildes und des Jesuskindes. Zeuge Meister Hans Isenhart fügt der Erzählung noch den Umstand bei, es habe gegen Abend die Sonne gar schön auf den Altar geschienen, als er die Wassertropfen im Antlitz Unserer Lieben Frau und des Kindleins erglänzen sah. Nach einer Stunde verzogen sich dieselben wieder. Als Zeuen werden im Protokoll noch angegeben die beiden Pfarrherren von Endingen, Matthäus Vetcher, Dekan des Kapitels Endingen und Georg Saub, Altrichter Kaspar Stirner, Altbürgermeister Sebastian Bauer, Stadtschreiber Georg Herrmann, Hans Ulmann Schlosser, auch viele andere ehrliche Leute mehr, die mit großer Verwunderung und Schrecken das Wunder sahen. Bald darauf erschien darüber eine Schrift im Drucke, welche die Bewohner Endingens mit Rücksicht auf diese Tränen zur Buße und Lebensbesserung aufforderte. Und zugleich wurde ein Lied entworfen, das am Vorabend des Christi Himmelfahrt-Festes auch heute noch bei der abendlichen Feier gesungen wird:
(Fortsetzung und Schluß im Teil 2)
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